Geben Sie oder geben Sie nichts – zehn Ratschläge, bettelnden Menschen zu begegnen

Soll man Menschen, die auf der Straße um Geld betteln, etwas geben? Wie gewinne ich innere Freiheit, ohne meine Menschlichkeit zu verlieren?

Im Rundbrief der Kana-Suppernküche Dortmund habe ich folgende Tipps aus dem Newsletter „Hospitality“ der Open Door Community (Baltimore, USA) gefunden, die es aus meiner Sicht eine gute Antwort auf diese Frage geben.

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By smial (Own work) [FAL or GFDL 1.2], via Wikimedia Commons

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Unsicherheit realistisch ins Auge sehen statt Freiheit zerstören

Ein Satz vorweg: Das Leben ist unsicher, war unsicher und wird auch immer unsicher sein – jedenfalls, wenn man den Maßstab der Sicherheit nur hoch genug hängt. Es kann immer passieren, dass ein technisches Gerät oder ein Mensch versagt und dadurch einen anderen verletzt oder gar tötet; es kann immer passieren, dass jemand einen anderen angreift oder gar umbringt; und auch Diebstahl oder sexuelle Übergriffe hat es immer gegeben und wird es immer geben, ganz egal, wie streng die Gesetze sind und wohl auch egal, wie streng sie überwacht werden. Aller Erfahrung nach würden es selbst im perfekten Überwachungsstaat Menschen oder Gruppen schaffen, sich zu entziehen und ihre Macht für ihre eigenen Interessen und Schwächen auszunutzen und damit Schaden für Dritte anzurichten.

Ich weiß, der oben geäußerte Gedanke klingt trivial, aber angesichts eines Klimas, dass nach immer mehr Sicherheit ruft, wollte ich die Tatsache der Unvermeidbarkeit der Unsicherheit doch noch einmal in Erinnerung rufen. Was natürlich nicht heißt, dass der Wunsch nach Sicherheit abzulehnen wäre oder dass es nicht wichtig wäre, vermeidbare Unsicherheiten zu reduzieren.

kriminalstatistik

Zusammengestellt von Hanno Paul, krankenhauspfarrer.net

Ein gelungenes Beispiel sind da für mich die Zahl der Autodiebstähle. Durch den Einbau von technischen Wegfahrsperren haben die sich schon länger im Vergleich zu 1990 auf ein Fünftel reduziert. Super!

Bei anderen Delikten ist die Entwicklung ja recht unterschiedlich. Sie ist ja auch nicht so ganz leicht zu bestimmen. Als ein Dokument habe ich mir die Bundeskriminalstatistik der letzten 60 Jahre angeschaut. Es ist schon klar, sie ist nur ein grober Indikator. Sie gibt nur die Straftaten an, die auch bekannt werden und das auch nur verspätet, d.h. wenn die Fälle an die Staatsanwaltschaft abgegeben werden. Und so verzerrt natürlich eine sich über die Jahre verändernde Anzeigebereitschaft (oder auch die Bereitschaft, Anzeigen aufzunehmen) das Bild genauso wie kleinere Veränderungen im Zählverfahren oder auch Gesetzesänderungen, die neue Delikte schaffen oder die Tatmerkmale verändern. Und natürlich ist die Bundeskriminalstatistik allgemein und sagt nicht über die Lebenssituation in einzelnen Städten oder gar Vierteln aus. Weiterlesen

Gelungene Polizeiaktion statt Krieg gegen den Terror

polizeiZu Flucht und Ergreifung des mutmaßlichen IS-Terroristen Albakr

Viele haben sich gefragt, wie kann es geschehen, dass ein Terrorist unter den Augen der Polizei entfliehen kann. Die überzeugende Antwort gab für mich der Präsident des LKA Sachsen in seiner gestrigen Stellungnahme (als Transkript z. B. gepostet unter https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Terrorverdaechtiger-Syrer-in-Leipzig-festgenommen/LKA-Praesident-Joerg-Michaelis-erklaert-den-verpatzten-Einsatz-in-Chemnitz/posting-29330973/show/).

Er macht darin deutlich, dass zum einen der Schutz der Anwohner Priorität hatte, um dann weiter zu bemerken:

„Auch ganz wichtig dann: nicht sicher war, ob es sich bei der Person um den Albakr handelt, wurde er aus einiger Entfernung von Einsatzbeamten aufgefordert stehen zu bleiben. Die Person ergriff daraufhin die Flucht. Mittels Warnschuss wurde versucht, das Stehenbleiben zu erreichen. Der Flüchtende reagierte nicht. Eine Schussabgabe auf ihn war nicht möglich und viel zu riskant da sich unbeteiligte Personen in Schussrichtung befanden.“

Eigentlich selbstverständlich und doch wohltuend in einem Klima, in dem immer wieder vom „Krieg gegen den Terror“ die Rede ist. Im Krieg zählt nur der Erfolg, Kollateralschäden werden hingenommen. Hier wurde abgewogen und Menschenleben aller Ethnien geschützt. Ein ermutigender Kontrast zu den Berichten aus manchen amerikanischen Städten, wo sehr schnell mit tödlicher Wirkung auf schwarze mutmaßliche Gesetzesbrecher geschossen wurde. Weiterlesen

Krebs: Von der Freiheit der Entscheidung

Mein Vater ist in den 7oJahren früh an Magenkrebs verstorben. Er hatte das Glück, seine letzte Zeit zuhause verbringen zu dürfen und im wahrsten Sinne des Wortes in seinem eigenen Bett in der Tiefe der Nacht zu entschlafen. Das war für mich als Kind ein Trost.

Wütend allerdings hat mich schon damals gemacht, dass mir erzählt wurde, die Strahlentherapie, die er bis einige Zeit vor seinem Tod bekommen und unter der er sehr gelitten hatte, hätte er nicht gekriegt, weil man noch eine lindernde oder gar heilende Wirkung davon erwartet hätte, sondern nur, um ihm nicht das Gefühl zu geben, nichts mehr zu tun. Das hat früh in mir ein Misstrauen hinterlassen, was den Sinn ärztlicher Entscheidungen im Allgemeinen und Chemotherapien und Bestrahlungen im Besonderen betrifft.

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Kontrastprogramm

Nun habe ich ja als Krankenhauspfarrer viel mit Menschen zu tun, die auf unterschiedlichste Weise an Krebs erkrankt sind und mit Ärztinnen und Ärzten, die viel Fachwissen und Engagement einsetzen, diesen Menschen zu helfen. Ich mag diese Menschen und schätze ihre Arbeit. Doch manche grundlegenden Fragen sind geblieben, und ich merke, dass es da keine einfachen Antworten gibt. Weiterlesen

„Leben als Fragment”

Seit mir die vom Marburger Theologen Henning Luther geprägte Formulierung „Leben als Fragment” (so der Titel seines Aufsatzes in der Zeitschrift Wege zum Menschen, 43. Jg. 1991, S. 262.-273) begegnet ist, beschäftigt sie mich. Aus meiner Sicht ist sie das  notwendige Gegengewicht zu allen Entwürfen von Ganzheitlichkeit.

Ganzheitliches Leben – die eigene Vervollkommnung an Körper, Geist und Seele, das Wahrnehmen der anderen in all ihren Bedürfnissen: körperlich, psychisch, sozial, emotional, spirituell – all dies hat mich und viele in meiner Umgebung lange Zeit fasziniert.

Cpa-es-bulloz-rodin5lapenseeUnd nicht zu unrecht. Der Wunsch oder die Forderung nach Ganzheitlichkeit entstand als Gegenreaktion auf viele Einseitigkeiten in unserer Gesellschaft, auf die Betonung des Körperlichen in der Medizin, des Materiellen in der Gesellschaft, der intellektuellen Leistung in der Bildung, dem Wort im evangelischen Gottesdienst usw. Angesichts dieser Verengungen weitere Dimensionen des Lebens in den Blick zu nehmen war und ist ein wichtiges Anliegen.

Aber es gibt  eben auch diese andere Seite:  Das Leben ist viel zu komplex, um es ganz begreifen und alle Dimensionen auch nur in annähernder Vollkommenheit leben zu können. Jeder Mensch wählt aus, und das ist auch sein gutes Recht.

Für mich ist da ein bezeichnendes Beispiel ein Mann um die 50, der vor einigen Jahren auf unserer Palliativstation kam. Bei ihm war ein Jahr vorher ein eher aggressiver Krebs festgestellt worden. Er hatte sich operieren lassen, dann aber auf weitere Behandlungen verzichtet. Stattdessen hatte er sein Leben genossen, was für ihn hieß, er war seinen Hobbys nachgegangen und war vor allem viel mit seiner Frau verreist. Über seine Krankheit hatte er nicht gesprochen. Als dann nach einem Jahr die Symptome sich vermehrten und er bei einer erneuten Untersuchung erfuhr, wie stark sein Tumor gewachsen war, stellte er das Reden, Essen und Trinken total ein. Daraufhin wurde er von seiner Frau auf die Palliativstation gebracht, wo er dann  innerhalb von gut zwei Wochen verstarb. Weiterlesen

Die Freiheit des Lachens

In den Zeiten von Karneval und den Angriffen muslimischer Extremisten auf Charlie Hebdo habe ich mir die Frage gestellt, wie eigentlich die Bibel zum Lachen steht. Ganz leicht zu beurteilen ist das nicht, denn viele ihrer Witze und Anspielungen verstehen wir gar nicht mehr (so bei der satirischen Königswahl in Richter 9 oder dem Spott über die (auf das römische Militär anspielende) „Legion” böser Geister (Markus 5), die in die Schweineherde fährt). Aber es gibt biblischen Spott und biblische Satire, und ihre Aufgabe war es, wie heute auch, menschlich problematische Zustände zu kritisieren. Und die einen werden darüber gelacht haben, und die anderen sind wohl darüber verärgert gewesen.

PfarrerwitzGut ist es, wenn es die Schwachen sind, die lachen können, und die Starken, die sich ärgern. Sich über einen am Boden Liegenden lustig zu machen, ist genauso menschenverachtend, wie auf einen Besiegten einzutreten. (Das unterscheidet Judenwitze von jüdischen Witzen.) Aber alle, die Menschen unterdrücken oder Gewalt und Zwang propagieren, haben Spott und Satire verdient, egal ob es Politiker, Wirtschaftsführer, Militärs oder Kirchenleute sind. Weiterlesen

„Goldene“ Sätze: 50% beim anderen bleiben fremd

Angeregt durch Sheldon B. Kopps eschatologischem Waschzettel (in seinem Buch: Triffst du Buddha unterwegs) möchte ich in nächster Zeit über einige Sätze nachdenken, die mir in meinen Ausbildungen im Bereich Tiefenpsychologischer Körpertherapie und Pastoralpsychologischer Supervision wichtig geworden sind.

Anfangen werde ich mit dem Satz: „50% beim anderen bleiben fremd.“, den ich von Peter Anders-Hoepgen, dem viel zu früh verstorbenen Dortmunder Studentenpfarrer und Lehrtherapeuten, gehört habe.

50prozent Weiterlesen

Ethik biblisch begründen?

An vielen Stellen lese ich, eine Handlungsmaxime sei biblisch begründet. Ich tue mich schwer damit. Schon angesichts sich diametral widersprechender Positionen, die diese biblische Begründung für sich in Anspruch nehmen, wie z.B.

  • die Verurteilung homosexueller Praktiken oder das Eintreten für gleiche Rechte unabhängig von der sexuellen Orientierung,
  • ein strikter Pazifismus oder eine Theologie der Revolution, die Rechtfertigung der Selbstverteidigung oder die sogenannten „Responsibility to Protect“,
  • die Ablehnung oder die Forderung nach Todesstrafe usw.

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Jesus in der Nacht, in der er verraten ward – oder die Freiheit, sich selbst treu zu sein

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Man kann Jesu Tod (und seine Auferstehung) so deuten:

Alles ist vom Anfang der Welt an bestimmt. Gott weiß, wie böse die Menschen werden werden und dass er sie erlösen will. Deshalb schickt er seinen Sohn auf die Erde. Alle spielen ihre Rollen, alle werden dafür belohnt oder verdammt. Letztlich haben sie keine Wahl, müssen aber die Folgen ihres Handelns tragen: Der Ton frage nicht den Töpfer, warum er welches Werkstück daraus macht. (Röm 9,19ff.)

Ja, diese Vorstellung ist durchaus im Neuen Testament selbst angelegt, ihre Konsequenzen werden diskutiert, aber glauben mag ich sie nicht. Weiterlesen

„Zur Freiheit befreit“

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, was für mich die wichtigste Bibelstelle sei. Spontan habe ich geantwortet:

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht das Joch der Knechtschaft auflegen!“
(Gal 5,1)

Das Evangelium ist Freiheit. Und diese Freiheit hat mich in meinem Leben begleitet. Sie hat mich inspiriert, allen Einengungen durch andere etwas entgegenzusetzen und mein Leben in Verantwortung und Liebe zu gestalten – folgend dem anderen Paulus-Satz:

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen.“ (I Kor 6,12)

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