Plädoyer für ein Organspenderegister

Auf dem diesjährigen Kongress der DSO, der Deutschen Stiftung Organtransplantation wurde laut einem Bericht in der Printausgabe der Frankfurter Rundschau vom 12. November d.J. erneut der Mangel an Spenderorganen beklagt, der erwarten lasse, das in diesem Jahr nur noch 2700 Organe transplantiert würden und damit 40% weniger als 2010.

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By Henryk Michalak, Klinika Kardiochirurgii w Łodzi [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Dafür wurden drei Ursachen verantwortlich gemacht: Weiterlesen

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Äußerstes Glück?

Das Buch, das mich in diesem Sommer am meisten berührt hat, ist der neue Roman von Arundhati Roy, „The Ministry of Utmost Happiness“, wobei der deutsche Titel: „Das Ministerium des höchsten Glücks“ wohl eher etwas in die Irre führt. Denn von einer staatlichen Einrichtung erwartet die in hohen Maße staats- und sozialkritische Autorin sicher kein Bemühen um das Glück seiner Bürger. Dafür ist dann schon eher der für seine unbändige (homoerotische) Liebe bekannte und hingerichtete Sufi-Heilige Hazrat Nizamuddin zuständig, dessen Mausoleum im Herzen von Delhi für diese Geschichte eine wichtige Rolle spielt.

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Aber um Glück geht es schon in diesem Buch, genauer um die Frage, wie Glück möglich ist – in einer Welt, wie sie ist, mit all ihrer Armut, ihren Grausamkeiten, ihrer Gewalt. Und genau da wird dieses Buch, auch wenn es in Indien spielt und all die sozialen Konflikte aufgreift, in denen sich Roy in den letzten 20 Jahren engagiert hat, zu meinem Buch. Weiterlesen

Unglück auf Rezept?

Gedanken zu einem Bauch von Peter und Sabine Ansari

Vor einiger Zeit empfahl mir eine gute Bekannte, die als Musiktherapeutin in der Psychiatrie arbeitet, das im letzten Jahr bei Klett-Cotta erschienene Buch „Unglück auf Rezept” von Peter und Sabine Ansari.  Was da über Unwirksamkeit, und die Nebenwirkungen von  Antidepressive und vor allem über die Machenschaften der Pharmaindustrie stehe, sei hochgradig erschreckend.

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Ich muss sagen, meine Lust, dieses Buch zu lesen, war gering. Ich bin ja kein Arzt, hatte mich aber im Rahmen meiner psychotherapeutischen Ausbildung und der Zulassung zum Heilpraktiker für Psychotherapie immer wieder auch mit dem Nutzen von Psychopharmaka auseinandergesetzt, kannte die Lehrmeinung, dass der im Schnitt  erfolgreichste Therapieansatz bei Depression die Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva sei, und hatte keine Lust, auf ideologisch gefärbte Diskussionen, ob Psychopharmaka denn nötig und hilfreich seien, zumal ich von befreundeten PsychotherapeutInnen wusste, dass auch sie zumindest  in bestimmten Situationen ihren KlientInnen empfahlen, zusätzlich zur Psychotherapie sich von  einem Psychiater chemische Hilfe verschreiben zu lassen.

Ich habe das Buch dann doch gelesen und einige Rezensionen dazu (für mich am Ergiebigsten: Ulrich Leutgeb in der FAZ und Frank Frick auf wissenschaft.de).

Seine Kernthesen sind:

  1. Antidepressiva werden viel zu schnell und zu wenig kontrolliert verordnet.
  2. Es gibt keine belastbaren Belege für die positive Wirkung von Antidepressiva.
  3. Es gibt kein stimmiges Erklärungsmodell für die Wirkung der heutigen Antidepressiva.
  4. Auch moderne Antidepressiva verursachen in nicht wenigen Fällen Nebenwirkungen unterschiedlichster Art, zu denen u.a. auch ein erhöhtes Suizidrisiko gehört.
  5. Antidepressiva können erhebliche Entzugserscheinungen verursachen – z.T. auch noch nach vielen Monaten.
  6. Antidepressiva werden von der Pharmaindustrie mit enormen Aufwand und zum Teil illegalen Mitteln wie versteckter Werbung und dem Verschweigen für sie negativer Studien in den Markt gebracht.

Spannend fand ich, dass auch kritische Rezensenten die Thesen 1, 3 und 6 unterstützten und der These 4 zumindest nicht widersprachen. Demnach scheint mir sehr klar, dass Antidepressiva risikobehaftete Medikamente sind, die man nur nach sehr gründlicher Prüfung dann einnehmen sollte, wenn längerfristig andere weniger eingreifende Methoden eine nur schwer erträgliche Depression zu beenden, erfolglos geblieben sind. Weiterlesen

Geben Sie oder geben Sie nichts – zehn Ratschläge, bettelnden Menschen zu begegnen

Soll man Menschen, die auf der Straße um Geld betteln, etwas geben? Wie gewinne ich innere Freiheit, ohne meine Menschlichkeit zu verlieren?

Im Rundbrief der Kana-Suppernküche Dortmund habe ich folgende Tipps aus dem Newsletter „Hospitality“ der Open Door Community (Baltimore, USA) gefunden, die es aus meiner Sicht eine gute Antwort auf diese Frage geben.

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By smial (Own work) [FAL or GFDL 1.2], via Wikimedia Commons

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Postfaktisches Zeitalter?

In der letzten Zeit ist immer wieder  von einem „postfaktischen Zeitalter“ die Rede, und das Wort „postfaktisch“ wurde ja auch zum Wort des Jahres 2016 gewählt (vgl. http://gfds.de/wort-des-jahres-2016/). Ich empfehle da Vorsicht.

Wenn dieser Begriff rein beschreibend die Tatsache aufgreift, dass es im Moment auch in den westlichen Demokratien mehr PolitikerInnen gibt, die sich wie Donald Trump offen nicht darum kümmern, ob ihre Behauptungen wahr sind und damit einen mehr oder weniger großen Erfolg haben, dann hat dieser Gebrauch eine gewisse Berechtigung.

Pinocchio - von Enrico Mazzanti (1852-1910)

Pinocchio – von Enrico Mazzanti (1852-1910)

Trotzdem möchte ich davor warnen, weil der Begriff „Zeitalter“ aus meiner Sicht suggeriert, dass die, denen die Fakten egal sind, damit Recht hätten (was eine moralische Beurteilung ist, die ich in keiner Weise teile) und damit zugleich so viel Erfolg hätten, dass sie ein ganzes Zeitalter prägen könnten (was zwar nicht auszuschließen, aber eben noch sehr offen ist). Außerdem legt der Begriff auch noch nahe, dass das Absehen von Fakten (also die öffentliche Lüge) etwas Neues sei.

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Unsicherheit realistisch ins Auge sehen statt Freiheit zerstören

Ein Satz vorweg: Das Leben ist unsicher, war unsicher und wird auch immer unsicher sein – jedenfalls, wenn man den Maßstab der Sicherheit nur hoch genug hängt. Es kann immer passieren, dass ein technisches Gerät oder ein Mensch versagt und dadurch einen anderen verletzt oder gar tötet; es kann immer passieren, dass jemand einen anderen angreift oder gar umbringt; und auch Diebstahl oder sexuelle Übergriffe hat es immer gegeben und wird es immer geben, ganz egal, wie streng die Gesetze sind und wohl auch egal, wie streng sie überwacht werden. Aller Erfahrung nach würden es selbst im perfekten Überwachungsstaat Menschen oder Gruppen schaffen, sich zu entziehen und ihre Macht für ihre eigenen Interessen und Schwächen auszunutzen und damit Schaden für Dritte anzurichten.

Ich weiß, der oben geäußerte Gedanke klingt trivial, aber angesichts eines Klimas, dass nach immer mehr Sicherheit ruft, wollte ich die Tatsache der Unvermeidbarkeit der Unsicherheit doch noch einmal in Erinnerung rufen. Was natürlich nicht heißt, dass der Wunsch nach Sicherheit abzulehnen wäre oder dass es nicht wichtig wäre, vermeidbare Unsicherheiten zu reduzieren.

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Zusammengestellt von Hanno Paul, krankenhauspfarrer.net

Ein gelungenes Beispiel sind da für mich die Zahl der Autodiebstähle. Durch den Einbau von technischen Wegfahrsperren haben die sich schon länger im Vergleich zu 1990 auf ein Fünftel reduziert. Super!

Bei anderen Delikten ist die Entwicklung ja recht unterschiedlich. Sie ist ja auch nicht so ganz leicht zu bestimmen. Als ein Dokument habe ich mir die Bundeskriminalstatistik der letzten 60 Jahre angeschaut. Es ist schon klar, sie ist nur ein grober Indikator. Sie gibt nur die Straftaten an, die auch bekannt werden und das auch nur verspätet, d.h. wenn die Fälle an die Staatsanwaltschaft abgegeben werden. Und so verzerrt natürlich eine sich über die Jahre verändernde Anzeigebereitschaft (oder auch die Bereitschaft, Anzeigen aufzunehmen) das Bild genauso wie kleinere Veränderungen im Zählverfahren oder auch Gesetzesänderungen, die neue Delikte schaffen oder die Tatmerkmale verändern. Und natürlich ist die Bundeskriminalstatistik allgemein und sagt nicht über die Lebenssituation in einzelnen Städten oder gar Vierteln aus. Weiterlesen

Fasten bis zum Tode – eine Form des Suizids?

Set einiger Zeit wird über ein Phänomen diskutiert, bei dem ich nicht genau weiß, ob es neu oder nur neu ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geraten ist: der bewusste freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, um sein Leben zu beenden.

Menschen haben wohl in der Nähe des Todes schon immer das Essen und z.T. auch das Trinken eingestellt. Dies ist ein physiologisch stimmiger Prozess, weil der sterbende Körper keine Nahrung und Flüssigkeit mehr braucht und der Verzicht darauf nicht die Ursache, sondern das Anzeichen des nahen Todes ist.

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Beim sogenannten Sterbefasten geht es im Gegensatz dazu um den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit zu einem Zeitpunkt, an dem der Tod noch nicht unmittelbar bevorsteht und der Verzicht eine bewusste Entscheidung ist, den Eintritt des Todes beschleunigen zu wollen, so wie es z. B. in dem Film Sterbefasten -Freiheit zum Tode exemplarisch beschrieben wird. (Vgl. auch den lesenswerten Wikipedia-Artikel oder den Beitrag in der Frankfurter Rundschau vom 22.März.)

Den damit verbundenen ethischen Fragen galt auch eine gemeinsame Tagung des Zentrums für Gesundheitsethik an der Evangelischen Akademie Loccum und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin in Hannover am 16.3.2017, an der ich teilgenommen habe und die mich zu diesem Artikel animiert hat.

Dabei haben mich drei Hauptfragen beschäftigt:

  1. Ist es sinnvoll, den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) als Suizid zu bezeichnen?
  2. Könnte eine z. B. palliativärztliche Begleitung eines solchen Menschen unter den neuen § 217 StGB fallen, der die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid unter Strafe stellt?
  3. Wie sollte man mit Menschen umgehen, die die Möglichkeit in Erwägung ziehen, das Ende ihres Lebens auf diese Weise zu beschleunigen?

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Klarheit schaffen: Notfallkarte des Kreises Herford

Auf der letzten Mitgliederversammlung des Palliativnetzes Kreis Herford hat der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes des Kreises Herford Dr. Thomas Jakob den vom ihm erarbeiteten Notfallbrief Rettungsdienst vorgestellt.

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Er ist entstanden aus der Erfahrung, dass, wenn ein Notarzt gerufen wird, in kurzer Zeit wesentliche Entscheidungen über das weitere Vorgehen getroffen werden müssen und dann oft die notwendigen Informationen nicht zur Verfügung stehen. Deshalb hat er eine Notfallkarte erstellt, die auf zwei Seiten wichtige Daten über den bisherigen Gesundheitszustand, sich im Gebrauch befindliche Medikamente, behandelnde ÄrztInnen und Krankenhäuser und ggf. BetreuerInnen und Bevollmächtigte zusammenfasst. Weiterlesen

An Gott glauben oder an Elfen? – Brief an einen Großneffen

Als ich kürzlich auf meinen Großneffen, nennen wir ihn Frodo, traf, stellte er mir beim Abendessen im großen Familienkreis die Frage: Hanno, glaubst du an Gott? Dazu muss man wissen, dass Frodo zur atheistischen Fraktion der großen Familie meiner Frau gehört, im Konfirmandenalter ist, nicht getauft, aber äußert aufgeweckt und an allen philosophischen Fragen interessiert. „Klar“, sage ich, „klar glaube ich an Gott.“ „Warum?“, fragt er. „Warum nicht?“, gebe ich zurück, und erzähle dann etwas von dem, was mich zum Glauben gebracht hat.

Schnell entspannt sich eine muntere Diskussion: „Glaubst du auch an Geister?“ Und sein Vater meint, klar könne man Gottes Nicht-Existenz nicht beweisen, das könne man aber auch nicht mit der Nicht-Existenz von Elfen. Das sei aber kein Grund, die Existenz von Elfen ernsthaft in Betracht zu ziehen.

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Tanzende Elfen, Gemälde von August Malmström, 1866

Spätestens hier merke ich, dass die Frage an den Glauben an Gott mehr Zeit und Tiefe braucht, als zwischen zwei Gängen möglich ist, und dass sie mich inspiriert, auch noch einmal selber nachzudenken, nachzufühlen und meine Haltung präziser zu beschreiben.

Ergebnis ist dieser Brief:

Lieber Frodo,

du hast mich gefragt, ob ich an Gott glaube. Ich habe das spontan bejaht, aber du hast gemerkt, dass es mir nicht leicht fiel, genau zu sagen, was ich damit meine. Da ich aber möchte, dass du eine Chance hast, zu verstehen, was Christen wirklich denken, will ich versuchen, meine Gedanken noch einmal zu präzisieren.

Wie du ja weißt, glauben Christen, dass Gott diese Welt geschaffen hat. Und die aufgeklärteren meinen damit nicht nur diese Erde, sondern das Universum als Ganzes. Also möglicherweise den Urknall, auf jeden Fall aber Raum und Zeit. Und damit ist klar, dass Gott nicht einfach ein Wesen in Raum und Zeit sein kann, denn dann wäre er ja nicht der Schöpfer von Raum und Zeit. Das unterscheidet ihn grundsätzlich von allen Wesen dieses Universums, Löwen und Elfen, Menschen und Dinosauriern. Weiterlesen

Weihnachten im Advent?

Natürlich kann man schon im Advent Weihnachten feiern. Da ist man frei. Es gibt kein Gesetz, das das verbietet. Schließlich ist die Geburt Christi schon 2000 Jahre her, seinen genauen Geburtstag weiß sowieso niemand, und von daher kann man sich über sein Kommen jeden Tag freuen, im November, im Dezember oder im Juli.

Die kirchliche Tradition betont in dieser Zeit allerdings das Warten, und das in doppelter Weise. Zum einen das Warten auf das Fest, zum anderen das Warten auf die endgültige Erlösung.

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Maria durch den Dornwald ging …

Wie gesagt, ob man nun auf das Fest warten oder vorfeiern will, ist Geschmackssache. Anders ist das mit der Frage nach der endgültigen Erlösung. Denn dass sich mit der Ankunft Jesu in der Welt alles zum Guten gewendet hätte, kann angesichts des natur- und menschengemachten Elends wohl niemand behaupten.

Das haben schon die ersten Christen gemerkt und deshalb erwartet, dass Jesus ganz schnell wiederkommen und dann die endgültige Erlösung bringen würde: eine Welt ohne Leid, ohne Schmerz, ohne Tränen (Offb.21,4). Weiterlesen