Goldene Sätze: „They do to you what they did to them”

„They do to you what they did to them.” – „Sie tun dir das an, was andere ihnen angetan haben”. Ich denke oft an diesen Satz aus meiner Therapieausbildung, nämlich immer dann, wenn mir Emotionen oder Verhaltensweisen entgegenkommen, die ich erst einmal (zumindest in ihrer Intensität) nicht verstehe: Misstrauen, Hass, Kontaktabbruch, eine bestimmte Form von sexualisierter Verführung, ein Versuch, mich zu kränken oder mich dazu zu bringen, mich von dieser Person zurückzuziehen.

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Manchmal drohen alte Erfahrungen alles zu verbrennen, doch manchmal lässt sich ihr Feuer nutzen, neues zu gestalten.

„They do to you what they did to them.” – Dieser Satz beschreibt eine Erfahrung vieler, die in Berufen arbeiten, in denen sie anderen auf einer tieferen Ebene helfen wollen, sich zu verändern bzw. weiterzuentwickeln. Dazu gehören (Lehr-) Therapeuten, SupervisorInnen, SeelsorgerInnen, Adoptiv- und Pflegeeltern (etwas) älterer Kinder, manchmal auch Lehrer und Erzieherinnen. Und im Übrigen trifft eine ähnliche Dynamik oft auch Liebes- und EhepartnerInnen. (Dann allerdings natürlich beidseitig!)

Es scheint die  Regel zu sein, dass Erfahrungen, die Menschen gemacht haben (und gerade auch Erfahrungen von Vernachlässigung und Gewalt), oft an die weitergegeben werden, die ihnen helfen und Neues ermöglichen wollen. Weiterlesen

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Zur Diskussion um den § 219a

Am 24.11. ist die Gießener Gynäkologin Kristina Hänel wegen eines Verstoßes gegen § 219a StGB vom Amtsgericht Gießen zu einer Geldstrafe in Höhe von 40 Tagessätzen zu je 150 Euro verurteilt worden. Sie hatte über ihre Homepage bzw. dann per E-Mail Informationen zugänglich gemacht, wie ein Schwangerschaftsabbruch straffrei durchgeführt werden kann und dass dies dann auch in ihrer Praxis möglich ist. (Vgl. z.B. http://www.fr.de/rhein-main/abtreibung-giessener-aerztin-zu-geldstrafe-verurteilt-a-1394602 und http://www.fr.de/rhein-main/abtreibung-kampf-gegen-den-vergessenen-paragrafen-a-1379481,0#artpager-1379481-0).

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Dass diese Informationen sachlich richtig waren und dass nicht in werbender Weise dafür plädiert wurde, einen Abbruch durchzuführen, ist unbestritten. Dass sie dennoch (und wahrscheinlich rechtskonform) verurteilt wurde, liegt an dem extrem weiten Werbungsbegriff dieses Paragraphen: Weiterlesen

Äußerstes Glück?

Das Buch, das mich in diesem Sommer am meisten berührt hat, ist der neue Roman von Arundhati Roy, „The Ministry of Utmost Happiness“, wobei der deutsche Titel: „Das Ministerium des höchsten Glücks“ wohl eher etwas in die Irre führt. Denn von einer staatlichen Einrichtung erwartet die in hohen Maße staats- und sozialkritische Autorin sicher kein Bemühen um das Glück seiner Bürger. Dafür ist dann schon eher der für seine unbändige (homoerotische) Liebe bekannte und hingerichtete Sufi-Heilige Hazrat Nizamuddin zuständig, dessen Mausoleum im Herzen von Delhi für diese Geschichte eine wichtige Rolle spielt.

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Aber um Glück geht es schon in diesem Buch, genauer um die Frage, wie Glück möglich ist – in einer Welt, wie sie ist, mit all ihrer Armut, ihren Grausamkeiten, ihrer Gewalt. Und genau da wird dieses Buch, auch wenn es in Indien spielt und all die sozialen Konflikte aufgreift, in denen sich Roy in den letzten 20 Jahren engagiert hat, zu meinem Buch. Weiterlesen

Unglück auf Rezept?

Gedanken zu einem Bauch von Peter und Sabine Ansari

Vor einiger Zeit empfahl mir eine gute Bekannte, die als Musiktherapeutin in der Psychiatrie arbeitet, das im letzten Jahr bei Klett-Cotta erschienene Buch „Unglück auf Rezept” von Peter und Sabine Ansari.  Was da über Unwirksamkeit, und die Nebenwirkungen von  Antidepressive und vor allem über die Machenschaften der Pharmaindustrie stehe, sei hochgradig erschreckend.

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Ich muss sagen, meine Lust, dieses Buch zu lesen, war gering. Ich bin ja kein Arzt, hatte mich aber im Rahmen meiner psychotherapeutischen Ausbildung und der Zulassung zum Heilpraktiker für Psychotherapie immer wieder auch mit dem Nutzen von Psychopharmaka auseinandergesetzt, kannte die Lehrmeinung, dass der im Schnitt  erfolgreichste Therapieansatz bei Depression die Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva sei, und hatte keine Lust, auf ideologisch gefärbte Diskussionen, ob Psychopharmaka denn nötig und hilfreich seien, zumal ich von befreundeten PsychotherapeutInnen wusste, dass auch sie zumindest  in bestimmten Situationen ihren KlientInnen empfahlen, zusätzlich zur Psychotherapie sich von  einem Psychiater chemische Hilfe verschreiben zu lassen.

Ich habe das Buch dann doch gelesen und einige Rezensionen dazu (für mich am Ergiebigsten: Ulrich Leutgeb in der FAZ und Frank Frick auf wissenschaft.de).

Seine Kernthesen sind:

  1. Antidepressiva werden viel zu schnell und zu wenig kontrolliert verordnet.
  2. Es gibt keine belastbaren Belege für die positive Wirkung von Antidepressiva.
  3. Es gibt kein stimmiges Erklärungsmodell für die Wirkung der heutigen Antidepressiva.
  4. Auch moderne Antidepressiva verursachen in nicht wenigen Fällen Nebenwirkungen unterschiedlichster Art, zu denen u.a. auch ein erhöhtes Suizidrisiko gehört.
  5. Antidepressiva können erhebliche Entzugserscheinungen verursachen – z.T. auch noch nach vielen Monaten.
  6. Antidepressiva werden von der Pharmaindustrie mit enormen Aufwand und zum Teil illegalen Mitteln wie versteckter Werbung und dem Verschweigen für sie negativer Studien in den Markt gebracht.

Spannend fand ich, dass auch kritische Rezensenten die Thesen 1, 3 und 6 unterstützten und der These 4 zumindest nicht widersprachen. Demnach scheint mir sehr klar, dass Antidepressiva risikobehaftete Medikamente sind, die man nur nach sehr gründlicher Prüfung dann einnehmen sollte, wenn längerfristig andere weniger eingreifende Methoden eine nur schwer erträgliche Depression zu beenden, erfolglos geblieben sind. Weiterlesen

Geben Sie oder geben Sie nichts – zehn Ratschläge, bettelnden Menschen zu begegnen

Soll man Menschen, die auf der Straße um Geld betteln, etwas geben? Wie gewinne ich innere Freiheit, ohne meine Menschlichkeit zu verlieren?

Im Rundbrief der Kana-Suppernküche Dortmund habe ich folgende Tipps aus dem Newsletter „Hospitality“ der Open Door Community (Baltimore, USA) gefunden, die es aus meiner Sicht eine gute Antwort auf diese Frage geben.

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By smial (Own work) [FAL or GFDL 1.2], via Wikimedia Commons

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Postfaktisches Zeitalter?

In der letzten Zeit ist immer wieder  von einem „postfaktischen Zeitalter“ die Rede, und das Wort „postfaktisch“ wurde ja auch zum Wort des Jahres 2016 gewählt (vgl. http://gfds.de/wort-des-jahres-2016/). Ich empfehle da Vorsicht.

Wenn dieser Begriff rein beschreibend die Tatsache aufgreift, dass es im Moment auch in den westlichen Demokratien mehr PolitikerInnen gibt, die sich wie Donald Trump offen nicht darum kümmern, ob ihre Behauptungen wahr sind und damit einen mehr oder weniger großen Erfolg haben, dann hat dieser Gebrauch eine gewisse Berechtigung.

Pinocchio - von Enrico Mazzanti (1852-1910)

Pinocchio – von Enrico Mazzanti (1852-1910)

Trotzdem möchte ich davor warnen, weil der Begriff „Zeitalter“ aus meiner Sicht suggeriert, dass die, denen die Fakten egal sind, damit Recht hätten (was eine moralische Beurteilung ist, die ich in keiner Weise teile) und damit zugleich so viel Erfolg hätten, dass sie ein ganzes Zeitalter prägen könnten (was zwar nicht auszuschließen, aber eben noch sehr offen ist). Außerdem legt der Begriff auch noch nahe, dass das Absehen von Fakten (also die öffentliche Lüge) etwas Neues sei.

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Unsicherheit realistisch ins Auge sehen statt Freiheit zerstören

Ein Satz vorweg: Das Leben ist unsicher, war unsicher und wird auch immer unsicher sein – jedenfalls, wenn man den Maßstab der Sicherheit nur hoch genug hängt. Es kann immer passieren, dass ein technisches Gerät oder ein Mensch versagt und dadurch einen anderen verletzt oder gar tötet; es kann immer passieren, dass jemand einen anderen angreift oder gar umbringt; und auch Diebstahl oder sexuelle Übergriffe hat es immer gegeben und wird es immer geben, ganz egal, wie streng die Gesetze sind und wohl auch egal, wie streng sie überwacht werden. Aller Erfahrung nach würden es selbst im perfekten Überwachungsstaat Menschen oder Gruppen schaffen, sich zu entziehen und ihre Macht für ihre eigenen Interessen und Schwächen auszunutzen und damit Schaden für Dritte anzurichten.

Ich weiß, der oben geäußerte Gedanke klingt trivial, aber angesichts eines Klimas, dass nach immer mehr Sicherheit ruft, wollte ich die Tatsache der Unvermeidbarkeit der Unsicherheit doch noch einmal in Erinnerung rufen. Was natürlich nicht heißt, dass der Wunsch nach Sicherheit abzulehnen wäre oder dass es nicht wichtig wäre, vermeidbare Unsicherheiten zu reduzieren.

kriminalstatistik

Zusammengestellt von Hanno Paul, krankenhauspfarrer.net

Ein gelungenes Beispiel sind da für mich die Zahl der Autodiebstähle. Durch den Einbau von technischen Wegfahrsperren haben die sich schon länger im Vergleich zu 1990 auf ein Fünftel reduziert. Super!

Bei anderen Delikten ist die Entwicklung ja recht unterschiedlich. Sie ist ja auch nicht so ganz leicht zu bestimmen. Als ein Dokument habe ich mir die Bundeskriminalstatistik der letzten 60 Jahre angeschaut. Es ist schon klar, sie ist nur ein grober Indikator. Sie gibt nur die Straftaten an, die auch bekannt werden und das auch nur verspätet, d.h. wenn die Fälle an die Staatsanwaltschaft abgegeben werden. Und so verzerrt natürlich eine sich über die Jahre verändernde Anzeigebereitschaft (oder auch die Bereitschaft, Anzeigen aufzunehmen) das Bild genauso wie kleinere Veränderungen im Zählverfahren oder auch Gesetzesänderungen, die neue Delikte schaffen oder die Tatmerkmale verändern. Und natürlich ist die Bundeskriminalstatistik allgemein und sagt nicht über die Lebenssituation in einzelnen Städten oder gar Vierteln aus. Weiterlesen

Klarheit schaffen: Notfallkarte des Kreises Herford

Auf der letzten Mitgliederversammlung des Palliativnetzes Kreis Herford hat der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes des Kreises Herford Dr. Thomas Jakob den vom ihm erarbeiteten Notfallbrief Rettungsdienst vorgestellt.

NotfallkarteKreisHerford

Er ist entstanden aus der Erfahrung, dass, wenn ein Notarzt gerufen wird, in kurzer Zeit wesentliche Entscheidungen über das weitere Vorgehen getroffen werden müssen und dann oft die notwendigen Informationen nicht zur Verfügung stehen. Deshalb hat er eine Notfallkarte erstellt, die auf zwei Seiten wichtige Daten über den bisherigen Gesundheitszustand, sich im Gebrauch befindliche Medikamente, behandelnde ÄrztInnen und Krankenhäuser und ggf. BetreuerInnen und Bevollmächtigte zusammenfasst. Weiterlesen

Gelungene Polizeiaktion statt Krieg gegen den Terror

polizeiZu Flucht und Ergreifung des mutmaßlichen IS-Terroristen Albakr

Viele haben sich gefragt, wie kann es geschehen, dass ein Terrorist unter den Augen der Polizei entfliehen kann. Die überzeugende Antwort gab für mich der Präsident des LKA Sachsen in seiner gestrigen Stellungnahme (als Transkript z. B. gepostet unter https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Terrorverdaechtiger-Syrer-in-Leipzig-festgenommen/LKA-Praesident-Joerg-Michaelis-erklaert-den-verpatzten-Einsatz-in-Chemnitz/posting-29330973/show/).

Er macht darin deutlich, dass zum einen der Schutz der Anwohner Priorität hatte, um dann weiter zu bemerken:

„Auch ganz wichtig dann: nicht sicher war, ob es sich bei der Person um den Albakr handelt, wurde er aus einiger Entfernung von Einsatzbeamten aufgefordert stehen zu bleiben. Die Person ergriff daraufhin die Flucht. Mittels Warnschuss wurde versucht, das Stehenbleiben zu erreichen. Der Flüchtende reagierte nicht. Eine Schussabgabe auf ihn war nicht möglich und viel zu riskant da sich unbeteiligte Personen in Schussrichtung befanden.“

Eigentlich selbstverständlich und doch wohltuend in einem Klima, in dem immer wieder vom „Krieg gegen den Terror“ die Rede ist. Im Krieg zählt nur der Erfolg, Kollateralschäden werden hingenommen. Hier wurde abgewogen und Menschenleben aller Ethnien geschützt. Ein ermutigender Kontrast zu den Berichten aus manchen amerikanischen Städten, wo sehr schnell mit tödlicher Wirkung auf schwarze mutmaßliche Gesetzesbrecher geschossen wurde. Weiterlesen

Krebs: Von der Freiheit der Entscheidung

Mein Vater ist in den 7oJahren früh an Magenkrebs verstorben. Er hatte das Glück, seine letzte Zeit zuhause verbringen zu dürfen und im wahrsten Sinne des Wortes in seinem eigenen Bett in der Tiefe der Nacht zu entschlafen. Das war für mich als Kind ein Trost.

Wütend allerdings hat mich schon damals gemacht, dass mir erzählt wurde, die Strahlentherapie, die er bis einige Zeit vor seinem Tod bekommen und unter der er sehr gelitten hatte, hätte er nicht gekriegt, weil man noch eine lindernde oder gar heilende Wirkung davon erwartet hätte, sondern nur, um ihm nicht das Gefühl zu geben, nichts mehr zu tun. Das hat früh in mir ein Misstrauen hinterlassen, was den Sinn ärztlicher Entscheidungen im Allgemeinen und Chemotherapien und Bestrahlungen im Besonderen betrifft.

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Kontrastprogramm

Nun habe ich ja als Krankenhauspfarrer viel mit Menschen zu tun, die auf unterschiedlichste Weise an Krebs erkrankt sind und mit Ärztinnen und Ärzten, die viel Fachwissen und Engagement einsetzen, diesen Menschen zu helfen. Ich mag diese Menschen und schätze ihre Arbeit. Doch manche grundlegenden Fragen sind geblieben, und ich merke, dass es da keine einfachen Antworten gibt. Weiterlesen