§ 219a gestrichen – Kristina Hänel rehabilitiert

Gestern hat der Deutsche Bundestagestag beschlossen, den $ 219a abzuschaffen, die Urteile nach diesem Paragraphen aufzuheben und laufende Verfahren einzustellen.

Kristina Hänel bei Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises (2019), Foto: Stephan Röhl, Stephan Röhl/Heinrich-Böll-Stiftung from Berlin, Deutschland, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Das betrifft auch die Verfahren gegen Kristina Hänel, die als Ärztin in sachlicher Weise darüber informiert hatte, wie in ihrer Praxis Abtreibungen durchgeführt werden und dafür nach diesem Paragraphen verurteilt worden war, worüber ich auch in diesem Blog mehrfach berichtet habe.

Ich habe immer den Standpunkt vertreten, dass eine sachliche Information über Abtreibung erlaubt sein müsse. Von daher bin ich über diese Entscheidung des Bundestages froh.

Sie bestätigt unsere Rechtspraxis, die anerkennt, dass eine Schwangerschaft ein so tiefer Einschnitt in das Leben einer Frau ist, dass sie nicht gegen deren Willen erzwungen werden soll, auch wenn eine Abtreibung dem Lebensrecht des werdenden Kindes entgegensteht.

Unsere Gesetze bauen durch die Pflicht, sich beraten zu lassen, eine sinnvolle Hürde vor übereilten Entscheidungen auf. Einer weiteren Hürde durch fehlende bzw. schwer zugängliche Informationen, wie eine Abtreibung in einer bestimmten Praxis oder Klinik durchgeführt wird, bedarf es nicht.

Wenn die Entscheidung, eine Schwangerschaft zu beenden, gefallen ist, sollten die Frauen (oder Paare) so gut wie möglich unterstützt werden (wie natürlich auf ganz andere Weise auch für den Fall, sich für die Fortsetzung einer konfliktbelasteten Schwangerschaft zu entscheiden).

Dasselbe gilt für die Ärzt*innen, die diesen Dienst an diesen Frauen in fachlich und menschlich guter Weise durchführen und so verhindern, dass ihnen unnötig zusätzliches Leid zugefügt wird zu dem was, was ein Schwangerschaftskonflikt immer schon mitbringt.

Der beschlossene Gesetzentwurf findet sich unter https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2022/kw19-de-schwangerschaftsabbruch-219a-891910

Mein Glaube angesichts des Kriegs in der Ukraine und mögliche Beiträge zu einer Deeskalation der Lage

Ich höre in meiner Kirche so manche Stimme, die sagt, ihr Eintreten für pazifistische Positionen vor dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine sei naiv gewesen und müsse nun korrigiert werden. Mir geht das anders.

Mich erinnert das an manche Menschen, deren Glauben an Gottes Güte daran zerbricht, dass sie oder ihre Liebsten schwer krank werden. Ich kann ihr Erschrecken gut mitfühlen. Zugleich war mir – zumindest rational – allerdings immer bewusst, dass diese Welt auch eine voller Leid ist und dass sowohl schlimmste Krankheiten wie auch Naturkatastrophen und Krieg dazugehören und deshalb prinzipiell auch mich treffen können. (Und nur, weil die Kriege in Vietnam, dem Irak, dem Iran, Syrien, dem Sudan, in Afghanistan und in Jemen, um nur einige zu nennen, weiter weg sind, waren bzw. sind sie doch um nichts weniger grausam als der in der Ukraine.)

Das heißt nicht, dass mich eine eigene schwere Erkrankung nicht doch aufwühlen oder vielleicht sogar in Verzweiflung treiben könnte. Genauso empfinde ich die Lage in der Ukraine als sowohl zutiefst schmerzhaft und für mich erheblicher bedrohlicher als anderes Kriegsgeschehen. Was sich nicht geändert hat, ist meine Grundüberzeugung zum Thema „Krieg“.

Kirchenvater Augustinus – einer der ersten Christen, die über „Gerechten Krieg“ schrieben

2014 habe ich unter dem Titel „Aus Nächstenliebe Krieg führen?“ die ethischen Überlegungen referiert, die unter dem Begriff des Gerechten Kriegs beschrieben werden, und ich halte sie immer noch für sehr zielführend. Ihr Grundgedanke ist, dass ein Krieg ethisch nur dann zu rechtfertigen ist, wenn nicht nur der Kriegsgrund gerecht ist, sondern auch der wahrscheinlich entstehende Schaden kleiner ist als das Übel, das abgewendet werden soll (und dazu gehört es dann auch, dass es eine gute Chance gibt, diesen Krieg zu gewinnen).

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Alternativen zu Waffenlieferungen an die Ukraine

Die Tage wurde ich gefragt, wie ich zu Waffenlieferungen an die Ukraine stehe, ich würde sie doch sicher befürworten.

Nach meiner Andacht zum Ukrainekrieg, wird es sicher nicht verwundern, dass ich das nicht tue. Nicht, weil ich dem ukrainischen Volk das Recht zur Selbstbestimmung abspreche. Das hat es und ich auch ich bin der Überzeugung, dass der Angriff der russischen Regierung auf dieses Land und seine Menschen durch nichts zu rechtfertigen ist.

Allerdings Waffenlieferungen würden aus meiner Sicht die Dauer des Kriegs nur verlängern. Und können wir das wollen? Ein zweites Afghanistan, ein zweites Syrien? Gerade in Syrien hat ja Putin auch schon gezeigt, dass im Menschenrechte völlig egal sind, wenn er sich im Krieg befindet. Ich vermute, der Politikwissenschaftler Johannes Varwick hat Recht, wenn er wie die FR in einem Beitrag vom 6.3.22 berichtet, in einem Gespräch mit dem RND sagt:

„Wir müssen verstehen, dass Russland zu allem bereit ist und wir diesen Krieg nur verlieren können, wenn wir keine nukleare Katastrophe wollen. (…) Wir müssen Putin Verhandlungen anbieten, damit er sein Ziel auch ohne einen Krieg erreichen kann.“

https://www.fr.de/hintergrund/berlin-als-sitz-einer-exilregierung-91391832.html
Unbewaffneter Mann, der Panzer in Bakhmach blockiert. (Twitter/@christogrozev)

Mit fallen andere Situationen ein, wo nicht russische, aber doch russisch geführte sowjetische Truppen in Ungarn, der CSSR und Polen die Selbstbestimmung der jeweiligen Völker zunichte gemacht haben. Ich vermute sehr, dass der Verzicht auf bewaffneten Widerstand – trotz allen dadurch erzeugten Leidens – den Völkern viel erspart und eine spätere Wende möglich gemacht hat. Von daher sollten wir für Alternativen zur Fortsetzung des Krieges eintreten und zugleich versuchen, so viel humanitäre Hilfe wie möglich zu geben.

Ähnliche Gedanken beschreibt auch Clemens Ronnefeldt, Friedensreferent des Internationalen Versöhnungsbundes, bei einer bewegenden Rede auf einer Friedenskundgebung in Landshut, in der er diesen Krieg auch auf gute Weise historisch einordnet.

In der Ukraine: OSZE-Beobachtungsmission erhalten – die Kriegsgefahr reduzieren

Die USA hat ihre Staatsangehörigen aufgefordert, die Ukraine zu verlassen. Diese Aufforderung schließt wohl auch US-Amerikaner*innen ein, die im Rahmen der OSZE die Waffenstillstandslinie im Osten der Ukraine überwachen (vgl. https://www.rnd.de/politik/osze-will-beobachtermission-in-ukraine-fortsetzen-trotz-ausreise-aufrufen-KQPBYLNT2IOIEGBYSBH7TNFFFQ.html).


OSCE Special Monitoring Mission to Ukraine, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Pfarrer Berthold Keunecke, Friedensbeauftragter des Ev. Kirchenkreises Herford weist zurecht auf die Gefahren hin, die dieser Schritt für den Frieden in der Region und für die Wirtschaft in Deutschland und Europa bedeutet, wenn er schreibt:

„In den Kirchengemeinden wächst die Angst vor einem Krieg in Europa. Die Eskalation des Ukrainekonfliktes nimmt tatsächlich bedrohliche Formen an: Den Abzug der USA aus der Beobachtungsmission der OSZE halte ich für unverantwortlich, weil er Grenzverletzungen an der Waffenstillstandslinie erleichtert. In den nächsten Tagen wird vermutlich von Kämpfen dort berichtet werden – verbunden mit Beschuldigungen gegen die Separatisten.

Ohne die OSZE wären diese nicht zu überprüfen: Ich erinnere mich, dass sowohl der Kosovokrieg wie auch der Irakkrieg unter Einsatz von Falschinformationen begründet wurden. Genauso könnten hier ukrainische Truppen, die inzwischen massiv aufgerüstet wurden, versuchen, die Donbassregion zu erobern, und das mit Angriffen von Separatisten oder sogar Russlands begründen. Weil das Waffenstillstandsabkommen Minsk II von der UNO unterstützt wurde, wäre das eine Völkerrechtsverletzung, die Russland vielleicht nicht hinnehmen würde – und mit einem militärischen Eingriff selbst das Völkerrecht brechen würde. Es bliebe dann nur zu hoffen, dass eine weitere militärische Eskalation verhindert werden könnte.                                                                                             

Die einzigen, die von diesem Szenario wirklich profitieren würden, wären die USA, weil sie nach Beendigung des Nordstream 2- Projektes Frackinggas nach Europa exportieren könnten, und ihren Waffenexport steigern würden. Ein tiefer Keil wäre zwischen Russland und Europa getrieben. Die Ukraine hätte sehr viele Tote und die ökologischen Probleme mit zerstörten Industrieanlagen im Donbass zu beklagen. Eine mögliche weitere Eskalation bis hin zu einem Atomkrieg wäre möglich. Das alles darf nicht sein – deshalb muss die Beobachtungsmission der OSZE aufrechterhalten werden und die Regierung in Kiew muss gedrängt werden, auf jeden Eroberungsversuch im Donbass zu verzichten!

Eine Demonstration am 17. Februar um 17 Uhr am Rathaus in Bielefeld soll alle Bemühungen der Bundesregierung in diese Richtung unterstützen.“

https://www.kirchenkreis-herford.de/service/nachrichten/2022/2022-02-14-friedensbeauftragter

Dem ist aus meiner Sicht nicht viel hinzuzufügen, außer vielleicht der Hinweis auf den Artikel von Clemens Ronnefeldt, Heinz Loquai, den damaligen Brigadegeneral bei der OSZE mit seiner Einschätzung der Entwicklungen im Vorfeld des Kosovokrieges zu Worte kommen lässt, in denen er u.a. ausführt:

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Unzertrennlich – ein Buch, das mich bewegt

Eine befreundete Ärztin hat mir kürzlich das Buch von Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom „Unzertrennlich – über den Tod und das Leben“ geschenkt, und dieses Buch das mich auf verschiedenen Ebenen berührt,

Es ist ein Alterswerk eines humanistischen Psychotherapeuten und Vertreters der Existenziellen Psychotherapie, dessen Bücher ich seit vielen Jahren sehr schätze. Insbesondere auch seine Lehrbücher „Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie“ (in vielen Auflagen erschienen) und (weniger bekannt, aber auch sehr lesenswert) „Existenzielle Psychotherapie“ haben meine eigene seelsorgerliche und supervisorische Arbeit und meinen Umgang mit Weiterbildungsgruppen in der Seelsorgeausbildung maßgeblich beeinflusst.

Zudem ist Yalom ein begnadeter Geschichtenerzähler, der viele seiner Gedanken auch in seinen Romanen lebendig werden lässt. Und schließlich ist er, wenn seine Bücher nicht täuschen, ein unorthodoxer, menschlicher Therapeut, dem Menschen immer wichtiger waren als Techniken und der viel auch die Grenzen psychotherapeutischer Konstrukte reflektiert und beschrieben hat.

Die Arbeit an „Unzertrennlich“ beginnt er als 87-Jähriger zusammen mit seiner Frau Marilyn, als diese zunehmend unter ihrer Krebserkrankung und den damit verbundenen Therapien zu leiden hat. In jeweils wechselnder Perspektive schildert es das letzte halbe Jahr, das diese gemeinsam haben, bis Marilyns Krankheit so weit vorangeschritten ist, dass sie sich mittels assistiertem Suizid das Leben nimmt. Im zweiten Teil beschreibt und reflektiert Irvin Yalom dann die ersten vier Monate seiner Trauer.

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Im Grunde gut

Wie ist der Mensch? Ist er von seinem Wesen her ein egoistisches, bösartiges Tier, das durch Erziehung, Religion oder vom Staat angedrohte Gewalt gebändigt werden muss, oder ist er in seinem Kern eher auf Gemeinschaft und Kooperation angelegt, mit Gerechtigkeitsgefühl begabt und bereit, sich in guter Weise auch für andere und das Gemeinwohl einzusetzen? Der niederländische Autor Rutger Bregman verficht in seinem 2019 erschienen Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ (deutsch Hamburg, 2020) letztere Sicht.

Neben vielen Beispielen von Kooperation und Nächstenliebe auch unter härtesten Bedingungen (bis hin zum Vermeiden vieler Soldaten im Gefecht auf andere Menschen zu schießen, vgl. S. 102ff) referiert er auch die Theorie, der Mensch, genauer der homo sapiens, sei genau die Art der Gattung homo, die sich in der Evolution aufgrund ihres freundlichen, kooperativen Wesens durchgesetzt habe („survival of the most friendliest“) (S. 69ff).

Das führt natürlich unweigerlich zu der Frage, wie die vielen Grausamkeiten zustande kommen können, zu denen Menschen ja offensichtlich auch in der Lage sind. Hier sieht er mindestens drei Faktoren:

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Vertrauen – wie viel und auf was und wen?

„Was für ein Vertrauen” – das war das Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentags von 2019. Und seine Auswahl ist ein Hinweis auf die Wertschätzung, die Vertrauen in meiner Kirche genießt. Und das erst einmal nicht zu unrecht.

Mindmap zu Vertrauen bei einem KSA-Seelsorgekurs

Meine Kollegin Iris Müller-Friege, Psychiatrieseelsorgerin und Körperpsychotherapeutin, bezieht sich bei diesem Thema immer auf Gerald Hüther (auch wenn wir die Veröffentlichung dazu nicht finden) und sagt, es gebe drei Säulen des Vertrauens: auf mich selbst, auf andere Menschen und auf Gott oder eine höhere Macht. Wenn alle drei Säulen vorhanden seien, sei das eine gut Basis, das Leben zu meistern, wenn eine Säule angeknackst sei, könne das noch ganz gut durch die anderen beiden abgefangen werden, aber mit nur einer Säule würde das Leben instabil.

Was macht Vertrauen so wertvoll? Etwas prosaisch betrachtet, stellt es eine erheblich Energieersparnis dar. Kontrolle, was man auf der Verhaltensebene als Gegenpol zum Vertrauen ansehen kann, ist anstrengend. Ich muss Informationen über mein Gegenüber und meine Umwelt sammeln, eigene Handlungen, um mich zu schützen, vorbereiten, und das ggf. in viele Richtungen. Das kostet Kraft. Und je größer mein Misstrauen ist, um so mehr muss ich bedenken und um so mehr Kraft brauche ich.

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Ohne Trauer keine Power

„Ohne Trauer keine Power” – diesen Spruch hat meine Frau Gisela Sauerland geprägt, die u.a. für die Hospizgruppe am Lukas-Krankenhaus Trauerarbeit macht. Er bringt die Erfahrung auf den Punkt, dass größere Verlusterfahrungen die Tendenz haben, uns unsere Lebensenergie zu stehlen, und dass es in der Regel das Durchleben der Trauer mit den mit ihr verbundenen meist schmerzlichen oder aufwühlenden Gefühlen ist, das uns hilft, diese Energie zurückzugewinnen.

Edward Munch, Der Schrei, undatierte Zeichnung, Kunstmuseum Bergen

Nun haben ja die meisten Menschen eine instinktive (und im Prinzip höchst gesunde!) Tendenz, Schmerz auszuweichen. Und so gehören zum großen Spektrum der „normalen” Trauerreaktionen genau auch solche, die Schmerzvermeidung zum Ziel haben. Typisch in diesem Sinne ist es, z. B., alles zu vermeiden, was mich an das Verlorene erinnert, verstärkt Alkohol oder beruhigende Medikamente zu konsumieren oder mich schnell in die Arbeit, eine neue Beziehung oder andere Aktivitäten zu stürzen.

Wie gesagt, das alles ist völlig normal und für viele Menschen eine stimmige Art, auf einen Verlust zu reagieren. Schwierig wird es dann, wenn die anderen Aspekte des Umgangs mit der Trauer zu weit in den Hintergrund treten.

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Freiheit in Verantwortung: eine evangelische Position zum assistierten Suizid

In diesem Post möchte ich auf einen gemeinsamen Gastbeitrag des Münchner Theologen und Vorsitzenden der Kammer für öffentliche Verantwortung Reiner Amseln, der Bochumer Theologin Isolde Karle und dem Diakoniepräsidenten Ulrich Lilie in der FAZ vom 11.1.2021 hinweisen, in dem diese sich mit dem assistierten Suizid auseinandersetzen.

Dabei betonen sie die gute Vereinbarkeit der Wertschätzung des Individuums und seiner Freiheit mit den eigenen christlichen Wurzeln, an der auch politische Entscheidungen zu messen seien, und fahren dann fort:

„Jede und jeder Einzelne soll als Mensch in seiner eigenen, individuellen Würde in den Blick genommen werden. In dieser Hochschätzung des Individuums und seiner Selbstbestimmung gibt es keine Differenz zwischen dem Urteilstenor des Verfassungsgerichts und der Position der evangelischen Ethik. Die Selbstbestimmung anzuerkennen und zu fördern bedeutet selbstverständlich nicht, jede Handlungsweise gutzuheißen oder sich gar mit ihr zu identifizieren. Aber es bedeutet, den unterschiedlichen Formen, das eigene Leben zu gestalten, Respekt entgegenzubringen – auch wenn sich diese Gestaltung darauf bezieht, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen.”

Sie stellen dann klar, dass eine solche Haltung nicht bedeutet, jegliches Verhalten gut zu finden, sondern nur, die Person in ihrer Selbstverantwortung zu akzeptieren. Dabei setzen sie sich im Folgenden auch mit der Frage auseinander, wie frei bzw. selbstverantwortet eine Suizidentscheidung überhaupt sein könne, machen deutlich, dass sie Menschen vor äußerem Druck schützen und Lebensperspektiven (innere und äußere) erschließen wollen, und und betonen dann, dass kirchliche Vertreter*innen am meisten Vertrauen genießen könnten, wenn sie nicht vorschnell Partei ergriffen, indem sie einen assistierten Suizid als unvereinbar mit dem christlichen Glauben brandmarken würden.

Positiv entwickeln sie eine Vision einer Diakonie und Kirche, die „neben einer bestmöglichen medizinischen und pflegerischen Versorgung auch bestmögliche Rahmenbedingungen für eine Wahrung der Selbstbestimmung” bereitstellen. Dazu könnten dann nach ihren Vorstellungen auch Beratungsangebote und die Ermöglichung des assistierten Suizids gehören.

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Rassismus angehen – weiße Privilegien wahrnehmen

Der Tod vom George Floyd in Minneapolis durch rassistische Polizeigewalt im Mai 2020 hat auch in meiner Kirche, der Evangelischen Kirche von Westfalen, zu einem verstärkten Nachdenken über Rassismus geführt, das sich z.B. in einer Stellungnahme ihrer Jugendkammer oder der Durchführung einer Studientags Weiße Privilegien in der Kirche im Oktober jenes Jahres ausdrückte. Grundlage dafür ist ein Satz aus der Stellungnahme der Jugendkammer, dem wohl nur wenige Christ*innen dieser Kirche widersprechen würden:

„Wir sind überzeugt: Rassismus jeglicher Art ist mit dem christlichen Glauben unvereinbar. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Rassismus beinhaltet jedoch eine Ideologie der Ungleichheit, negiert damit diese christliche Grundüberzeugung und missachtet die fundamentalen Freiheits- und Gleichheitsrechte des Menschen.”

So weit, so klar. Aber nicht nur in den USA, sondern auch bei uns werden Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund nicht nur von ausgewiesenen Rassist*innen als „anders” ausgegrenzt oder ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum erschwert. Exemplarisch deutlich machen das die wütenden Beiträge des Bandes Eure Heimat ist unser Albtraum, aber auch deren Kritik durch Canan Topçu in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung.

Dabei gibt es ganz unterschiedliche Definitionen, was Rassismus eigentlich ist. Hier ein paar Beispiele:

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