Plädoyer für ein Organspenderegister

Auf dem diesjährigen Kongress der DSO, der Deutschen Stiftung Organtransplantation wurde laut einem Bericht in der Printausgabe der Frankfurter Rundschau vom 12. November d.J. erneut der Mangel an Spenderorganen beklagt, der erwarten lasse, das in diesem Jahr nur noch 2700 Organe transplantiert würden und damit 40% weniger als 2010.

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By Henryk Michalak, Klinika Kardiochirurgii w Łodzi [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Dafür wurden drei Ursachen verantwortlich gemacht: Weiterlesen

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Unglück auf Rezept?

Gedanken zu einem Bauch von Peter und Sabine Ansari

Vor einiger Zeit empfahl mir eine gute Bekannte, die als Musiktherapeutin in der Psychiatrie arbeitet, das im letzten Jahr bei Klett-Cotta erschienene Buch „Unglück auf Rezept” von Peter und Sabine Ansari.  Was da über Unwirksamkeit, und die Nebenwirkungen von  Antidepressive und vor allem über die Machenschaften der Pharmaindustrie stehe, sei hochgradig erschreckend.

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Ich muss sagen, meine Lust, dieses Buch zu lesen, war gering. Ich bin ja kein Arzt, hatte mich aber im Rahmen meiner psychotherapeutischen Ausbildung und der Zulassung zum Heilpraktiker für Psychotherapie immer wieder auch mit dem Nutzen von Psychopharmaka auseinandergesetzt, kannte die Lehrmeinung, dass der im Schnitt  erfolgreichste Therapieansatz bei Depression die Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva sei, und hatte keine Lust, auf ideologisch gefärbte Diskussionen, ob Psychopharmaka denn nötig und hilfreich seien, zumal ich von befreundeten PsychotherapeutInnen wusste, dass auch sie zumindest  in bestimmten Situationen ihren KlientInnen empfahlen, zusätzlich zur Psychotherapie sich von  einem Psychiater chemische Hilfe verschreiben zu lassen.

Ich habe das Buch dann doch gelesen und einige Rezensionen dazu (für mich am Ergiebigsten: Ulrich Leutgeb in der FAZ und Frank Frick auf wissenschaft.de).

Seine Kernthesen sind:

  1. Antidepressiva werden viel zu schnell und zu wenig kontrolliert verordnet.
  2. Es gibt keine belastbaren Belege für die positive Wirkung von Antidepressiva.
  3. Es gibt kein stimmiges Erklärungsmodell für die Wirkung der heutigen Antidepressiva.
  4. Auch moderne Antidepressiva verursachen in nicht wenigen Fällen Nebenwirkungen unterschiedlichster Art, zu denen u.a. auch ein erhöhtes Suizidrisiko gehört.
  5. Antidepressiva können erhebliche Entzugserscheinungen verursachen – z.T. auch noch nach vielen Monaten.
  6. Antidepressiva werden von der Pharmaindustrie mit enormen Aufwand und zum Teil illegalen Mitteln wie versteckter Werbung und dem Verschweigen für sie negativer Studien in den Markt gebracht.

Spannend fand ich, dass auch kritische Rezensenten die Thesen 1, 3 und 6 unterstützten und der These 4 zumindest nicht widersprachen. Demnach scheint mir sehr klar, dass Antidepressiva risikobehaftete Medikamente sind, die man nur nach sehr gründlicher Prüfung dann einnehmen sollte, wenn längerfristig andere weniger eingreifende Methoden eine nur schwer erträgliche Depression zu beenden, erfolglos geblieben sind. Weiterlesen

Fasten bis zum Tode – eine Form des Suizids?

Set einiger Zeit wird über ein Phänomen diskutiert, bei dem ich nicht genau weiß, ob es neu oder nur neu ins Bewusstsein der Öffentlichkeit geraten ist: der bewusste freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit, um sein Leben zu beenden.

Menschen haben wohl in der Nähe des Todes schon immer das Essen und z.T. auch das Trinken eingestellt. Dies ist ein physiologisch stimmiger Prozess, weil der sterbende Körper keine Nahrung und Flüssigkeit mehr braucht und der Verzicht darauf nicht die Ursache, sondern das Anzeichen des nahen Todes ist.

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Beim sogenannten Sterbefasten geht es im Gegensatz dazu um den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit zu einem Zeitpunkt, an dem der Tod noch nicht unmittelbar bevorsteht und der Verzicht eine bewusste Entscheidung ist, den Eintritt des Todes beschleunigen zu wollen, so wie es z. B. in dem Film Sterbefasten -Freiheit zum Tode exemplarisch beschrieben wird. (Vgl. auch den lesenswerten Wikipedia-Artikel oder den Beitrag in der Frankfurter Rundschau vom 22.März.)

Den damit verbundenen ethischen Fragen galt auch eine gemeinsame Tagung des Zentrums für Gesundheitsethik an der Evangelischen Akademie Loccum und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin in Hannover am 16.3.2017, an der ich teilgenommen habe und die mich zu diesem Artikel animiert hat.

Dabei haben mich drei Hauptfragen beschäftigt:

  1. Ist es sinnvoll, den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) als Suizid zu bezeichnen?
  2. Könnte eine z. B. palliativärztliche Begleitung eines solchen Menschen unter den neuen § 217 StGB fallen, der die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid unter Strafe stellt?
  3. Wie sollte man mit Menschen umgehen, die die Möglichkeit in Erwägung ziehen, das Ende ihres Lebens auf diese Weise zu beschleunigen?

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Klarheit schaffen: Notfallkarte des Kreises Herford

Auf der letzten Mitgliederversammlung des Palliativnetzes Kreis Herford hat der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes des Kreises Herford Dr. Thomas Jakob den vom ihm erarbeiteten Notfallbrief Rettungsdienst vorgestellt.

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Er ist entstanden aus der Erfahrung, dass, wenn ein Notarzt gerufen wird, in kurzer Zeit wesentliche Entscheidungen über das weitere Vorgehen getroffen werden müssen und dann oft die notwendigen Informationen nicht zur Verfügung stehen. Deshalb hat er eine Notfallkarte erstellt, die auf zwei Seiten wichtige Daten über den bisherigen Gesundheitszustand, sich im Gebrauch befindliche Medikamente, behandelnde ÄrztInnen und Krankenhäuser und ggf. BetreuerInnen und Bevollmächtigte zusammenfasst. Weiterlesen

Krebs: Von der Freiheit der Entscheidung

Mein Vater ist in den 7oJahren früh an Magenkrebs verstorben. Er hatte das Glück, seine letzte Zeit zuhause verbringen zu dürfen und im wahrsten Sinne des Wortes in seinem eigenen Bett in der Tiefe der Nacht zu entschlafen. Das war für mich als Kind ein Trost.

Wütend allerdings hat mich schon damals gemacht, dass mir erzählt wurde, die Strahlentherapie, die er bis einige Zeit vor seinem Tod bekommen und unter der er sehr gelitten hatte, hätte er nicht gekriegt, weil man noch eine lindernde oder gar heilende Wirkung davon erwartet hätte, sondern nur, um ihm nicht das Gefühl zu geben, nichts mehr zu tun. Das hat früh in mir ein Misstrauen hinterlassen, was den Sinn ärztlicher Entscheidungen im Allgemeinen und Chemotherapien und Bestrahlungen im Besonderen betrifft.

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Nun habe ich ja als Krankenhauspfarrer viel mit Menschen zu tun, die auf unterschiedlichste Weise an Krebs erkrankt sind und mit Ärztinnen und Ärzten, die viel Fachwissen und Engagement einsetzen, diesen Menschen zu helfen. Ich mag diese Menschen und schätze ihre Arbeit. Doch manche grundlegenden Fragen sind geblieben, und ich merke, dass es da keine einfachen Antworten gibt. Weiterlesen

Patientenverfügungen müssen konkret sein – und damit ggf. auch aktuell

Konsequenzen aus dem BGH-Urteil vom 9.8.2016

In seinem Urteil hatte sich der Bundesgerichtshof mit der Situation  einer 1941 geborenen Frau befasst, die Ende November 2011 einen Hirnschlag erlitten hatte. Noch im Krankenhaus war ihr eine PEG-Ernährungssonde gelegt worden, durch die sie seitdem ernährt wird. Im Januar 2012 war sie in ein Pflegeheim verlegt worden, in dem sie seitdem lebt. Zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch verbal kommunizieren, was aber seit dem Frühjahr 2013 infolge epileptischer Anfälle nicht mehr möglich ist.

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Autor des Fotos: HoRaMi, Bearbeitung: Hanno Paul, Linzenz: GFDL

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Mit Augenmaß anwenden – zum neuen § 217 StGB

Meine Gedanken zum Thema Beihilfe zum Suizid habe ich an anderen Blog-Beiträgen deutlich gemacht. Jetzt, nachdem der Bundestag am 6.11. dem Entwurf eines Gesetzes zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung von Michael Brand, Kerstin Griese, Kathrin Vogler u.a. zugestimmt hat, stellt sich die Frage, welche praktischen Konsequenzen dies haben wird.

Der Gesetzestext lautet ja:

§ 217 Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung
(1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.

Klar ist, dass damit die bisherigen Aktivitäten von Organisationen wie Sterbehilfe Deutschland verboten werden (die zwar dagegen vor dem Bundesverfassungsgericht klagen will, ihre Satzung aber schon vorsorglich geändert hat).

Klar ist auch, dass die einmalige Beihilfe von Angehörigen und Freunden straffrei bleibt, und auch die von Fremden, wenn sie nicht als Beginn einer geschäftsmäßigen Aktivität interpretiert werden kann.

Unklar ist nach einer Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags, wie das bei der gelegentlichen Beihilfe durch Ärzte aussieht, wobei eindeutig ist, dass die sogenannte passive und indirekte Sterbehilfe nicht unter das Gesetz fallen.

Ziemlich absurd ist aus meiner Sicht eine weitere Konsequenz. Weiterlesen

Auch andere haben Bedenken

Die Haltung der rechtspolitischen Sprecherin der Grünen zu den Gesetzentwürfen zum assistierten Suizid

Ich hatte mich ja in meinem Beitrag: „Keiner überzeugt“ mit den Gesetzentwürfen zum assistierten Suizid kritisch auseinandergesetzt. Nun habe ich mit Freude festgestellt, dass es auch innerhalb des Bundestages Menschen gibt, die diese Position teilen und eine Veränderung der Gesetzeslage nicht für nötig halten.

So schreibt die rechtspolitischen Sprecherin der Grünen im Bundestag Katja Keul am 26.8. auf ihrer Webseite:

Mein Antrag „Keine neuen Straftatbestände bei Sterbehilfe“ hat leider nicht die erforderliche Anzahl von Unterstützerunterschriften aus dem Kreis der Abgeordneten erhalten und war somit nicht offizieller Bestandteil der Beratung im Bundestag am 02. Juli 2015. Meine Position konnte ich trotzdem in meiner Rede verdeutlichen, die ich zu Protokoll gegeben habe.

Jetzt hat der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages meine verfassungsrechtlichen Bedenken gegen die vorgeschlagenen Straftatbestände bestätigt.

Lesen Sie das Gutachten zu den Gesetzentwürfen Künast et al. und Hintze et al. hier >>> und das Gutachten zum Gesetzentwurf Brand et al. hier >>>

Aus meiner Sicht sind sowohl ihre Rede wie auch die genannten Gutachten lesenswert und unterstützen mein Unbehagen angesichts der vorliegenden Gesetzesentwürfe.

Keiner überzeugt

Zu den Gesetzentwürfen des Bundestages zum begleiteten Suizid

Vor gut einem Jahr habe ich hier im Post „Das Augenmaß wahren“ schon einmal meine grundsätzlichen Gedanken zum Thema assistierter Suizid benannt. Inzwischen hat der Deutsche Bundestag in seiner Sitzung am 2. Juli vier Gesetzesentwürfe debattiert, die ich im Folgenden kommentieren will.

BUNDESTAG BERLIN GERMANY JUNE 2013 (9130959126)

Die Drucksache 18/5373 sieht ein Verbot jedweder (also auch nicht kommerzieller) geschäftsmäßiger Unterstützung der Selbsttötung vor. Mir erscheint das überzogen. Ich begrüße, dass die Begleitung Sterbewilliger nicht zum Gewerbe gemacht werden soll, aber ich sehe keinen Bedarf, auch nichtkommerzielle Organisationen zu verfolgen, die aus anderen Motiven ihre Überzeugungen verbreiten und leben. Da auch ohne solch ein Gesetz die Verfügbarkeit entsprechender Mittel in Deutschland nicht erhöht würde, würde es sich in der Praxis wohl vor allem gegen die Vermittlung von potentiell den Suizid Suchenden in Nachbarländer richten. Nach meiner Erfahrung ist aber die Vorstellung, in ein Nachbarland gehen zu können und dort mit Hilfe sein Leben zu beenden, für nicht wenige Menschen eine Möglichkeit, mit ihrem Leiden zu leben. Umgekehrt erscheint sie mir für die, die sie wirklich nutzen, als hochschwelliger, aber nicht würdeloser Weg, gemäß ihrer Überzeugung ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Ich sehe keine Erfordernis, die Mitarbeit in Organisationen, die diese Option verbreiten, unter Strafe zu stellen. Weiterlesen

Hirntod = Ganztod? Zur Stellungnahme des Deutschen Ethikrats

Am 24. Februar hat der Deutsche Ethikrat eine umfangreiche Stellungnahme zu Hirntod und Entscheidung zur Organspende veröffentlicht, in der er sich der wieder aufgebrochenen Debatte stellt, ob der Hirntod der Tod des Menschen ist, und ob er als Voraussetzung für eine Organentnahme ausreicht. Ausführlich werden dort verschiedene Todesverständnisse beschrieben, sich auf eines geeinigt und danach diskutiert, ob  der Hirntod ein Tod nach diesem Todesverständnis wäre und was das für die Organentnahme bedeutet. Nicht diskutiert werden Zweifel, wie kompetent und sicher die Hirntoddiagnostik in Deutschland zurzeit durchgeführt wird.

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Präpariertes menschliches Gehirn

Dabei sind sich die Mitglieder des Deutschen Ethikrats an vielen Punkten einig: Weiterlesen