Krebs: Von der Freiheit der Entscheidung

Mein Vater ist in den 7oJahren früh an Magenkrebs verstorben. Er hatte das Glück, seine letzte Zeit zuhause verbringen zu dürfen und im wahrsten Sinne des Wortes in seinem eigenen Bett in der Tiefe der Nacht zu entschlafen. Das war für mich als Kind ein Trost.

Wütend allerdings hat mich schon damals gemacht, dass mir erzählt wurde, die Strahlentherapie, die er bis einige Zeit vor seinem Tod bekommen und unter der er sehr gelitten hatte, hätte er nicht gekriegt, weil man noch eine lindernde oder gar heilende Wirkung davon erwartet hätte, sondern nur, um ihm nicht das Gefühl zu geben, nichts mehr zu tun. Das hat früh in mir ein Misstrauen hinterlassen, was den Sinn ärztlicher Entscheidungen im Allgemeinen und Chemotherapien und Bestrahlungen im Besonderen betrifft.

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Kontrastprogramm

Nun habe ich ja als Krankenhauspfarrer viel mit Menschen zu tun, die auf unterschiedlichste Weise an Krebs erkrankt sind und mit Ärztinnen und Ärzten, die viel Fachwissen und Engagement einsetzen, diesen Menschen zu helfen. Ich mag diese Menschen und schätze ihre Arbeit. Doch manche grundlegenden Fragen sind geblieben, und ich merke, dass es da keine einfachen Antworten gibt.

Beschäftigt hat mich z.B. die Aussage eines Arztes, dass bei einem bestimmten Stadium eines operativ erfolgreich behandelten Kolonkarzinoms eine nachfolgende Chemotherapie die Heilungschancen von 40% auf 60% erhöhen würde. Deshalb sei es wichtig, dass möglichst alle Patienten an dieser Therapie teilnähmen.

Ich habe dann gerechnet und mir klar gemacht, dass von 5 Patienten, die an dieser Therapie teilnähmen, 4 davon nicht profitieren würden, nämlich die 40% (also die zwei), die sowieso geheilt würden sowie die 40% (also die anderen zwei), die sowieso daran sterben würden. Gut wäre es also nur für den einen, der zu den 20% gehörte, die von der einen in die andere Gruppe wechseln würden. Die anderen würden die zum Teil schwerwiegenden und u.U. auch dauerhaften Folgen einer Chemotherapie unnötig auf sich nehmen – oder höchsten, um hinterher nicht das Gefühl zu haben, eine Chance verpasst zu haben. Ich war zumindest verunsichert, ob ich in solch einem Fall eine Chemo akzeptieren würde – ganz egal, was die ärztliche Leitlinien da sagen.

Dann erkrankte eine gute Freundin an einem Lungenkrebs. Auch er konnte erst einmal erfolgreich operiert werden, so dass alles erkennbare Tumorgewebe entfernt war. Auch ihr wurde danach eine Weiterbehandlung angeraten, eine Kombination von Chemotherapie und Bestrahlung. Das würde ihre Heilungschancen von ca. 8% auf 15 % verbessern. Stellt man die gleiche Rechnung wie oben auf, wird schnell klar, dass im Schnitt nur etwas 7% der Patienten von dieser Behandlung entscheidend profitieren, nämlich die 7%, die von der einen zur anderen Gruppe wandern.

Meine Freundin ist trotzdem den Ärzten gefolgt und hat sich für diese Behandlung entschieden. Ihr Hauptargument, sie könne es sich nicht verzeihen, nicht alles versucht zu haben. Sie hatte sich allerdings schlau gemacht und herausbekommen, dass es zwei Chemotherapien gab, die ähnlich erfolgversprechend waren, aber mit einem unterschiedlichen Nebenwirkungsspektrum. Und da ihr ihr Gehör besonders wichtig war, konnte sie mit ihrem Onkologen vereinbaren, die Therapie zu nehmen, die ihr Hören nicht bedrohte, dafür eine höhere Wahrscheinlichkeit anderer Nebenwirkungen hatte.

Als die Entscheidung gefallen war, war klar, dass nun alle Bedenken meinerseits zu schweigen hatten, und dass es darum ging, sie in ihrem Weg zu unterstützen. Das Ergebnis: Die Chemotherapien vertrug sie ziemlich gut, während die Bestrahlung eine Lungenentzündung verursachte, die ihre Lunge dauerhaft über die Verluste durch die Operation hinaus weiter schädigte, so dass ihr das Atem noch schwerer fiel. Trotzdem gewann sie – nicht zuletzt durch ihren gewaltigen Einsatz – zunehmend Lebensqualität zurück, konnte wieder in den Urlaub fahren, Schwimmen und andere Dinge tun, die sie gern machte. Aber leider gehörte sie dann doch zu den 85%, die nicht geheilt waren. Nach weniger als einem Jahr traten die ersten Metastasen auf. Weitere Chemotherapien und weitere Metastasen folgten.

Also alles vergebliche Liebesmüh? Das kann man so nicht sagen. Sie hatte  (zumindest erst einmal) Glück. Ein neues Krebsmedikament wurde zugelassen, das in spezifischer Weise ihr Immunsystem so stimulierte, dass es die vorhandenen Tumore erfolgreich angreifen konnte. Vor ein paar Wochen erzählte sie mir von ihrem letzten MRT: keine Metastasen mehr zu sehen, Allgemeinzustand erträglich, der nächste Urlaub in Griechenland geplant.

Ich habe mich sehr für sie gefreut und gedacht, wie es ihr wohl jetzt gehen würde, wenn sie auf Chemo und Bestrahlung verzichtet hätte. Mit höchster Wahrscheinlichkeit wäre sie dann schon länger tot. Ihr Einsatz hat sich gelohnt, ganz egal, was noch passiert.

Noch eine andere Frau kommt mir in den Sinn. Eine noch gar nicht so alte Dame, die vor einiger Zeit auf unserer Palliativstation lag. Sie hatte einen Brustkrebs, den sie schon vor über 10 Jahren bemerkt hatte und der nun aus ihrer Brust herauswucherte. Aber über viele Jahre hatte er ihr kaum Beschwerden bereitet. Keine Schmerzen. Kein Gestank. Kein Nässen. Erst die letzten Wochen hatte sich das verändert, deshalb war sie bei uns. Wäre sie früher beim Arzt gewesen, wäre sie sicher behandelt worden. Aber, ob sie geheilt worden wäre, ist zumindest offen. Sicher ist, sie hätte ein Menge aushalten müssen, was ihr so erspart geblieben ist.

Mir machen diese beiden Begegnung deutlich: Es gibt nicht die eine Behandlung, die für alle Patientinnen oder Patienten in einer bestimmten medizinischen Situation die richtige ist. Jeder Mensch ist anders und muss letztlich seinen eigenen Weg finden. Und so ist es gut, wenn die Betroffenen mitentscheiden können, welchen Weg sie gehen wollen, und wenn sie dann von Ärzten wie von Angehörigen auf Respekt und Unterstützung stoßen, ganz egal, wie sie sich entschieden haben.

 

 

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