Geben Sie oder geben Sie nichts – zehn Ratschläge, bettelnden Menschen zu begegnen

Soll man Menschen, die auf der Straße um Geld betteln, etwas geben? Wie gewinne ich innere Freiheit, ohne meine Menschlichkeit zu verlieren?

Im Rundbrief der Kana-Suppernküche Dortmund habe ich folgende Tipps aus dem Newsletter „Hospitality“ der Open Door Community (Baltimore, USA) gefunden, die es aus meiner Sicht eine gute Antwort auf diese Frage geben.

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By smial (Own work) [FAL or GFDL 1.2], via Wikimedia Commons

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Postfaktisches Zeitalter?

In der letzten Zeit ist immer wieder  von einem „postfaktischen Zeitalter“ die Rede, und das Wort „postfaktisch“ wurde ja auch zum Wort des Jahres 2016 gewählt (vgl. http://gfds.de/wort-des-jahres-2016/). Ich empfehle da Vorsicht.

Wenn dieser Begriff rein beschreibend die Tatsache aufgreift, dass es im Moment auch in den westlichen Demokratien mehr PolitikerInnen gibt, die sich wie Donald Trump offen nicht darum kümmern, ob ihre Behauptungen wahr sind und damit einen mehr oder weniger großen Erfolg haben, dann hat dieser Gebrauch eine gewisse Berechtigung.

Pinocchio - von Enrico Mazzanti (1852-1910)

Pinocchio – von Enrico Mazzanti (1852-1910)

Trotzdem möchte ich davor warnen, weil der Begriff „Zeitalter“ aus meiner Sicht suggeriert, dass die, denen die Fakten egal sind, damit Recht hätten (was eine moralische Beurteilung ist, die ich in keiner Weise teile) und damit zugleich so viel Erfolg hätten, dass sie ein ganzes Zeitalter prägen könnten (was zwar nicht auszuschließen, aber eben noch sehr offen ist). Außerdem legt der Begriff auch noch nahe, dass das Absehen von Fakten (also die öffentliche Lüge) etwas Neues sei.

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Unsicherheit realistisch ins Auge sehen statt Freiheit zerstören

Ein Satz vorweg: Das Leben ist unsicher, war unsicher und wird auch immer unsicher sein – jedenfalls, wenn man den Maßstab der Sicherheit nur hoch genug hängt. Es kann immer passieren, dass ein technisches Gerät oder ein Mensch versagt und dadurch einen anderen verletzt oder gar tötet; es kann immer passieren, dass jemand einen anderen angreift oder gar umbringt; und auch Diebstahl oder sexuelle Übergriffe hat es immer gegeben und wird es immer geben, ganz egal, wie streng die Gesetze sind und wohl auch egal, wie streng sie überwacht werden. Aller Erfahrung nach würden es selbst im perfekten Überwachungsstaat Menschen oder Gruppen schaffen, sich zu entziehen und ihre Macht für ihre eigenen Interessen und Schwächen auszunutzen und damit Schaden für Dritte anzurichten.

Ich weiß, der oben geäußerte Gedanke klingt trivial, aber angesichts eines Klimas, dass nach immer mehr Sicherheit ruft, wollte ich die Tatsache der Unvermeidbarkeit der Unsicherheit doch noch einmal in Erinnerung rufen. Was natürlich nicht heißt, dass der Wunsch nach Sicherheit abzulehnen wäre oder dass es nicht wichtig wäre, vermeidbare Unsicherheiten zu reduzieren.

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Zusammengestellt von Hanno Paul, krankenhauspfarrer.net

Ein gelungenes Beispiel sind da für mich die Zahl der Autodiebstähle. Durch den Einbau von technischen Wegfahrsperren haben die sich schon länger im Vergleich zu 1990 auf ein Fünftel reduziert. Super!

Bei anderen Delikten ist die Entwicklung ja recht unterschiedlich. Sie ist ja auch nicht so ganz leicht zu bestimmen. Als ein Dokument habe ich mir die Bundeskriminalstatistik der letzten 60 Jahre angeschaut. Es ist schon klar, sie ist nur ein grober Indikator. Sie gibt nur die Straftaten an, die auch bekannt werden und das auch nur verspätet, d.h. wenn die Fälle an die Staatsanwaltschaft abgegeben werden. Und so verzerrt natürlich eine sich über die Jahre verändernde Anzeigebereitschaft (oder auch die Bereitschaft, Anzeigen aufzunehmen) das Bild genauso wie kleinere Veränderungen im Zählverfahren oder auch Gesetzesänderungen, die neue Delikte schaffen oder die Tatmerkmale verändern. Und natürlich ist die Bundeskriminalstatistik allgemein und sagt nicht über die Lebenssituation in einzelnen Städten oder gar Vierteln aus. Weiterlesen

Klarheit schaffen: Notfallkarte des Kreises Herford

Auf der letzten Mitgliederversammlung des Palliativnetzes Kreis Herford hat der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes des Kreises Herford Dr. Thomas Jakob den vom ihm erarbeiteten Notfallbrief Rettungsdienst vorgestellt.

NotfallkarteKreisHerford

Er ist entstanden aus der Erfahrung, dass, wenn ein Notarzt gerufen wird, in kurzer Zeit wesentliche Entscheidungen über das weitere Vorgehen getroffen werden müssen und dann oft die notwendigen Informationen nicht zur Verfügung stehen. Deshalb hat er eine Notfallkarte erstellt, die auf zwei Seiten wichtige Daten über den bisherigen Gesundheitszustand, sich im Gebrauch befindliche Medikamente, behandelnde ÄrztInnen und Krankenhäuser und ggf. BetreuerInnen und Bevollmächtigte zusammenfasst. Weiterlesen

Gelungene Polizeiaktion statt Krieg gegen den Terror

polizeiZu Flucht und Ergreifung des mutmaßlichen IS-Terroristen Albakr

Viele haben sich gefragt, wie kann es geschehen, dass ein Terrorist unter den Augen der Polizei entfliehen kann. Die überzeugende Antwort gab für mich der Präsident des LKA Sachsen in seiner gestrigen Stellungnahme (als Transkript z. B. gepostet unter https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Terrorverdaechtiger-Syrer-in-Leipzig-festgenommen/LKA-Praesident-Joerg-Michaelis-erklaert-den-verpatzten-Einsatz-in-Chemnitz/posting-29330973/show/).

Er macht darin deutlich, dass zum einen der Schutz der Anwohner Priorität hatte, um dann weiter zu bemerken:

„Auch ganz wichtig dann: nicht sicher war, ob es sich bei der Person um den Albakr handelt, wurde er aus einiger Entfernung von Einsatzbeamten aufgefordert stehen zu bleiben. Die Person ergriff daraufhin die Flucht. Mittels Warnschuss wurde versucht, das Stehenbleiben zu erreichen. Der Flüchtende reagierte nicht. Eine Schussabgabe auf ihn war nicht möglich und viel zu riskant da sich unbeteiligte Personen in Schussrichtung befanden.“

Eigentlich selbstverständlich und doch wohltuend in einem Klima, in dem immer wieder vom „Krieg gegen den Terror“ die Rede ist. Im Krieg zählt nur der Erfolg, Kollateralschäden werden hingenommen. Hier wurde abgewogen und Menschenleben aller Ethnien geschützt. Ein ermutigender Kontrast zu den Berichten aus manchen amerikanischen Städten, wo sehr schnell mit tödlicher Wirkung auf schwarze mutmaßliche Gesetzesbrecher geschossen wurde. Weiterlesen

Krebs: Von der Freiheit der Entscheidung

Mein Vater ist in den 7oJahren früh an Magenkrebs verstorben. Er hatte das Glück, seine letzte Zeit zuhause verbringen zu dürfen und im wahrsten Sinne des Wortes in seinem eigenen Bett in der Tiefe der Nacht zu entschlafen. Das war für mich als Kind ein Trost.

Wütend allerdings hat mich schon damals gemacht, dass mir erzählt wurde, die Strahlentherapie, die er bis einige Zeit vor seinem Tod bekommen und unter der er sehr gelitten hatte, hätte er nicht gekriegt, weil man noch eine lindernde oder gar heilende Wirkung davon erwartet hätte, sondern nur, um ihm nicht das Gefühl zu geben, nichts mehr zu tun. Das hat früh in mir ein Misstrauen hinterlassen, was den Sinn ärztlicher Entscheidungen im Allgemeinen und Chemotherapien und Bestrahlungen im Besonderen betrifft.

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Kontrastprogramm

Nun habe ich ja als Krankenhauspfarrer viel mit Menschen zu tun, die auf unterschiedlichste Weise an Krebs erkrankt sind und mit Ärztinnen und Ärzten, die viel Fachwissen und Engagement einsetzen, diesen Menschen zu helfen. Ich mag diese Menschen und schätze ihre Arbeit. Doch manche grundlegenden Fragen sind geblieben, und ich merke, dass es da keine einfachen Antworten gibt. Weiterlesen

Kann Leiden stark machen?

Vor einiger Zeit sprach Traugott Roser auf dem Jubiläum der Hospizgruppe am Lukas-Krankenhaus Bünde über Resilienz. Dabei beschrieb er, dass zu den Faktoren, die es leichter machen, belastende Dinge gut zu überstehen, der Umgang mit früheren Erfahrungen von Leid und Schmerz gehören kann. In dem Zusammenhang erzählte er von einer älteren Frau, die schon zwei Kinder verloren hatte und der man dann auch noch mitteilen musste, dass auch ihr Mann gestorben war. Alle befürchteten, dass sie unter dieser Nachricht zusammenbrechen würde; aber sie konnte sie dann deutlich gelassener nehmen, als die anderen es erwartet hatten und sagte, denn sie hätte gelernt, mit Schmerz zu leben.

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Fjord in Norwegen

Mich erinnert das an eine Patientin, ich nenne sie Frau A1, die ich selbst vor einiger Zeit betreut habe. Sie war Ende 40 und litt seit 5 Jahren an Krebs. Sie hatte sich in dieser Zeit immer wieder Chemotherapien unterzogen und ihre erste Prognose schon um dreieinhalb Jahre überlebt. Viele der Therapien waren belastend gewesen, aber Frau A. hatte dies hingenommen und zugleich darauf bestanden, dass sich das Leben weiter lohnen solle. So hatte sie sich z.B. einen Lebenstraum verwirklicht und eine Kreuzfahrt auf der Hurtigruten unternommen, auch wenn sie dabei zwischenzeitlich auf einen Rollstuhl angewiesen war. Weiterlesen

How to Breed Terrorists and Refugees

Es gibt unterschiedliche Wege Terroristen und Flüchtlinge heranzuziehen. Ziemlich effektiv ist es dabei, eine Atmosphäre von permanenter Angst und Perspektivlosigkeit zu erzeugen. Und ein wunderbares Mittel dazu ist der regelmäßige Einsatz bewaffneter Drohnen.

Um es deutlich zu sagen, natürlich sind bewaffnete Drohnen nicht das einzige Mittel dieser Politik. Angst und Terror werden auch die bemannte Flugkörper verbreitet genauso wie durch geheimdienstliche Operationen, Bodentruppen oder die Zusammenarbeit mit Milizen vor Ort. Aber sie sind ein wichtiger Baustein, über den bei uns dann doch relativ wenig gesprochen wird.

MQ-9 Reaper. Bild: USAF

MQ-9 Reaper beim Starten einer Rakete. Bild: USAF

Und wenn auch die US-Regierung versucht das Bild eines sauberen, präzisen Instrumentes mit wenig Nebenwirkung zu vermitteln, dass helfe, die Terrorgefahr zu verringern, so beschreiben doch viele andere Quellen eine andere Wirklichkeit. So lautet die Einschätzung von vier ehemaligen Mitarbeitern des US-Drohnenprogramms, von denen drei direkt am tödlichen Einsatz dieser Geräte beteiligt waren:

„We came to the realization that the innocent civilians we were killing only fueled the feelings of hatred that ignited terrorism and groups like ISIS, while also serving as a fundamental recruitment tool similar to Guantanamo Bay. This administration and its predecessors have built a drone program that is one of the most devastating driving forces for terrorism and destabilization around the world.“ (vgl. Link 2)

(„Wir sind zu der Erkenntnis gekommen, dass wir durch die Tötung unschuldiger Zivilisten den Hass geschürt haben, der Terrorismus und Gruppen wie Isis antreibt und damit als Mittel  für deren Rekrutierung wirkt ähnlich wie Guantanamo Bay. Diese Regierung und ihre Vorgänger haben ein Drohnenprogramm aufgebaut, das eine der verheerendsten Triebfedern für den Terrorismus und die Destabilisierung der Welt darstellt.“)

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Rein ist nur die gute Butter

Seit ich vor mehr als 25 Jahren in ihrem Roman „A Bleeding Heart“ den Satz von Marilyn French gelesen habe, es gäbe nichts Reines als reine Butter, lässt er mich nicht mehr los. Nicht, dass er wirklich neu wäre. Schon im Markusevangelium lehnt Jesus es ab, als „guter Meister“ bezeichnet zu werden, gut sei „Gott allein“ (Mk 10,18).

Also nicht neu, aber treffend. Wie oft erwarten wir immer noch Reinheit: reine Motive, reine Hingabe, reine Liebe? Sei es bezüglich einer Sache oder eines Menschen.

butter-400Die Wahrheit ist, jeder Mensch ist in seiner Motivation ambivalent. Das gilt für persönliche Beziehungen genauso wie für das Ehrenamt oder die Politik. Neben die Interessen, die ich an dem anderen oder der Sache habe, treten meine eigenen. Und das ist gut so. Wichtig ist, dass diese Tatsache bewusst bleibt, denn das verhindert falsche Idealisierungen und die damit automatisch verbundenen Enttäuschungen, wenn ich oder ein anderer diesem Maßstab der Reinheit nicht entspricht.

Die Frage sollte also nicht sein: Ist jemand makellos?, sondern: Diskreditieren seine Fehler oder seine Eigenmotive das, was er oder sie tut oder sagt? Weiterlesen

Eine Geschichte gegen den Terror

In Kenia haben Muslime unter großen Gefahren für ihr Leben am 21.12. Christen vor Terroristen der islamistischen Miliz al-Schabab gerettet, indem sie sich bei einem Überfall auf einen Reisebus weigerten, sich von ihnen zu trennen (vgl. http://www.nation.co.ke/counties/Two-dead-3-injured-Mandera-bus-attack/-/1107872/3004522/-/12gsxkc/-/index.html?platform=hootsuite und auf Deutsch: http://www.welt.de/politik/ausland/article150230779/Terror-in-Kenia-Muslime-retten-Christen-das-Leben.html).

Auch wenn da insgesamt auch viel Glück im Spiel war (die Milizionäre wurden durch das Herannahen eines Lasters irritiert und ließen deshalb erst einmal von der Businsassen ab), ist das für mich doch ein ermutigendes Zeichen, wie wir, wenn wir über Religionsgrenzen hinweg zusammenhalten, dem Terror und der Gewalt etwas entgegensetzen können.

Der erste Schritt dazu ist wahrscheinlich, aneinander kennenzulernen. Das neue Jahr wird dazu sicher Möglichkeiten bieten. Fragt sich, ob wir sie nutzen.