Mein Glaube angesichts des Kriegs in der Ukraine und mögliche Beiträge zu einer Deeskalation der Lage

Ich höre in meiner Kirche so manche Stimme, die sagt, ihr Eintreten für pazifistische Positionen vor dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine sei naiv gewesen und müsse nun korrigiert werden. Mir geht das anders.

Mich erinnert das an manche Menschen, deren Glauben an Gottes Güte daran zerbricht, dass sie oder ihre Liebsten schwer krank werden. Ich kann ihr Erschrecken gut mitfühlen. Zugleich war mir – zumindest rational – allerdings immer bewusst, dass diese Welt auch eine voller Leid ist und dass sowohl schlimmste Krankheiten wie auch Naturkatastrophen und Krieg dazugehören und deshalb prinzipiell auch mich treffen können. (Und nur, weil die Kriege in Vietnam, dem Irak, dem Iran, Syrien, dem Sudan, in Afghanistan und in Jemen, um nur einige zu nennen, weiter weg sind, waren bzw. sind sie doch um nichts weniger grausam als der in der Ukraine.)

Das heißt nicht, dass mich eine eigene schwere Erkrankung nicht doch aufwühlen oder vielleicht sogar in Verzweiflung treiben könnte. Genauso empfinde ich die Lage in der Ukraine als sowohl zutiefst schmerzhaft und für mich erheblicher bedrohlicher als anderes Kriegsgeschehen. Was sich nicht geändert hat, ist meine Grundüberzeugung zum Thema „Krieg“.

Kirchenvater Augustinus – einer der ersten Christen, die über „Gerechten Krieg“ schrieben

2014 habe ich unter dem Titel „Aus Nächstenliebe Krieg führen?“ die ethischen Überlegungen referiert, die unter dem Begriff des Gerechten Kriegs beschrieben werden, und ich halte sie immer noch für sehr zielführend. Ihr Grundgedanke ist, dass ein Krieg ethisch nur dann zu rechtfertigen ist, wenn nicht nur der Kriegsgrund gerecht ist, sondern auch der wahrscheinlich entstehende Schaden kleiner ist als das Übel, das abgewendet werden soll (und dazu gehört es dann auch, dass es eine gute Chance gibt, diesen Krieg zu gewinnen).

Letztlich kennen wir die wirklichen Kriegsziele der russischen Regierung nicht. Aber zumindest ihre ursprünglichen scheinen doch weit davon entfernt gewesen zu sein, die Menschen in der Ukraine massenweise umzubringen oder ihre Lebensgrundlagen zu zerstören (was sie jetzt als Mittel nutzt – besonders rücksichtslos, aber im Prinzip so wie viele andere kriegsführende Parteien auf der Welt auch). Von daher glaube ich nicht, dass das Leid, das jetzt angerichtet wird, in einem vertretbaren Maßstab zum Schaden steht, der abgewendet wird. Und dass die russische Regierung eine Niederlage akzeptieren würde, ohne dass das Land völlig zerstört wäre – ich sehe das nicht.

Von daher kann es aus meiner Sicht nur darum gehen, Lösungen zu finden, die einerseits den Menschen in der Ukraine (und auch sonst in Russland, dem restlichen Europa und der ganzen Welt) ein möglichst gutes Leben ermöglichen und zugleich nicht nur Russlands Sicherheits-, sondern auch seine Machtinteressen anerkennen. Nicht als moralisch Gutes, sondern als real Vorhandenes. So wie im Kalten Krieg auch.

Zugleich sollten wir uns auch wieder auf gemeinsame Interessen mit Russland besinnen. Wie damals zu Zeiten der Entspannungspolitik. Für mich wären das ein Akt der Vernunft. Das mag sich angesichts des Leides in der Ukraine herzlos anhören, aber für mich wäre es auch ein Akt der Liebe, weil er wahrscheinlich weiteres Leid verhindern könnte.

Gute Impulse, wie so etwas umgesetzt werden könnte, finden sich u.a. in der ausführlichen und gut lesbaren Zusammenstellung der Initiative Sicherheit neu denken „Für eine entschlossene und besonnene Reaktion auf Putins Krieg – Impulse für zivile Lösungswege“, die ich zur Lektüre sehr empfehle.

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