Unzertrennlich – ein Buch, das mich bewegt

Eine befreundete Ärztin hat mir kürzlich das Buch von Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom „Unzertrennlich – über den Tod und das Leben“ geschenkt, und dieses Buch das mich auf verschiedenen Ebenen berührt,

Es ist ein Alterswerk eines humanistischen Psychotherapeuten und Vertreters der Existenziellen Psychotherapie, dessen Bücher ich seit vielen Jahren sehr schätze. Insbesondere auch seine Lehrbücher „Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie“ (in vielen Auflagen erschienen) und (weniger bekannt, aber auch sehr lesenswert) „Existenzielle Psychotherapie“ haben meine eigene seelsorgerliche und supervisorische Arbeit und meinen Umgang mit Weiterbildungsgruppen in der Seelsorgeausbildung maßgeblich beeinflusst.

Zudem ist Yalom ein begnadeter Geschichtenerzähler, der viele seiner Gedanken auch in seinen Romanen lebendig werden lässt. Und schließlich ist er, wenn seine Bücher nicht täuschen, ein unorthodoxer, menschlicher Therapeut, dem Menschen immer wichtiger waren als Techniken und der viel auch die Grenzen psychotherapeutischer Konstrukte reflektiert und beschrieben hat.

Die Arbeit an „Unzertrennlich“ beginnt er als 87-Jähriger zusammen mit seiner Frau Marilyn, als diese zunehmend unter ihrer Krebserkrankung und den damit verbundenen Therapien zu leiden hat. In jeweils wechselnder Perspektive schildert es das letzte halbe Jahr, das diese gemeinsam haben, bis Marilyns Krankheit so weit vorangeschritten ist, dass sie sich mittels assistiertem Suizid das Leben nimmt. Im zweiten Teil beschreibt und reflektiert Irvin Yalom dann die ersten vier Monate seiner Trauer.

Was mich an dieser Lektüre berührt, sind zum einen die angesprochenen Themen: Irvs Realisierung, wie alt er selbst inzwischen ist, sein Ruhestand als Therapeut, seine Auseinandersetzung mit den eigenen körperlichen Einschränkungen und natürlich die Schilderung seiner Trauer, die er hoch reflektiert wahrnimmt, was ihn aber das damit verbundenen Leiden (natürlich!) nicht erspart.

Das zweite ist die Schilderung der zärtlichen und zugleich respektvollen Liebe zwischen den beiden, die offen bleibt für die Unterschiedlichkeit der Personen und letztlich auch der Lebenssituationen. Irvin wünscht sich auch dann noch lange, dass Marilyn um ihr Leben kämpfen solle, als diese schon eine Weile an dem Punkt angelangt ist, an dem das Leiden, das sie täglich erlebt, ihre Lebensfreude weit überwiegt.

So entscheidet sie sich dann auch, als ihr ihre behandelnde Ärztin nur noch wenige Wochen Lebenszeit vorhersagt, selbst aus dem Leben zu scheiden, indem sie einen von ihrem Palliativarzt zusammengestellten tödlichen Medikamentencocktail zusichnimmt. Zu diesem Zeitpunkt trägt Irvin das dann auch mit, genauso wie ihre Kinder, die alle bei ihrem Tod mit anwesend sind.

Was Marilyn in ihrem Innersten treibt, diesen Schritt zu tun, bleibt für mich offen. Ihr Stichwort ist ein Nietzschezitat, „Stirb zur rechten Zeit“ (laut Unzertrennlich, S. 114), und sie verbindet diesen Satz mit der Bemerkung, dass die Entscheidung darüber, ob sie leben oder sterben solle, vorwiegend ihre eigenen sein solle (a.a.O. S. 115) – auch gegen den Standpunkt ihres Mannes, „dass es sich lohnt, am Leben zu bleiben, koste es, was es wolle.“ (ebd.)

Deutlich wird, dass Marilyn einerseits von ihrer Familie und ihren Freund*innen fast optimal begleitet wird, dass sie aber unter der Krankheit, dann aber vor allem auch unter den Therapien, viel gelitten hat und dass ihre Schmerzen auch in den letzten Tagen vor ihrem Tod nicht gut eingestellt sind. Hier hätte ich ihr eine Versorgung wie z. B. auf der Palliativstation am Krankenhaus in Bünde gewünscht, wo ich häufig die Erfahrung mache, dass es gut gelingt, die Schmerzen einzugrenzen, auch wenn das einige Zeit erfordert, und dass dann auch wieder eine gewisse Lebensqualität erreicht werden kann.

Umgekehrt kann ich gut nachvollziehen, wenn ein Mensch nach 87 Jahren vollen Lebens in einer in jedem Fall sehr eingeschränkten Lage sagt, dass ein Weiterleben für ihn kein Gewinn mehr wäre, dass das Leben trotz aller empfangenen Liebe jetzt mehr Last als Lust sei. Letztlich ist es dann eine Werteentscheidung, ob ich dann mein Leben selbst beenden will oder doch darauf vertraue, dass es gut ist, sich fallen zu lassen in das, was passiert, die Zuversicht zu haben, dass ich auch in dieser Zeit so begleitet bin, dass es erträglich wird, und dass es sich lohnt, vielleicht auch neugierig darauf zu sein, welche Erfahrung das Sterben für mich bietet.

Als Staat zu versuchen, andere an dieser Stelle mittels des Strafrechts zum Leben zu drängen, erscheint mir unangemessen. Deshalb ist es aus meiner Sicht trotz aller damit verbundenen Gefahren gut, dass die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum assistierten Suizid neue Spielräume öffnet. Als Kirche und Gesellschaft sollten wir den Umgang damit mit Umsicht gestalten.

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