Vertrauen – wie viel und auf was und wen?

„Was für ein Vertrauen” – das war das Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentags von 2019. Und seine Auswahl ist ein Hinweis auf die Wertschätzung, die Vertrauen in meiner Kirche genießt. Und das erst einmal nicht zu unrecht.

Mindmap zu Vertrauen bei einem KSA-Seelsorgekurs

Meine Kollegin Iris Müller-Friege, Psychiatrieseelsorgerin und Körperpsychotherapeutin, bezieht sich bei diesem Thema immer auf Gerald Hüther (auch wenn wir die Veröffentlichung dazu nicht finden) und sagt, es gebe drei Säulen des Vertrauens: auf mich selbst, auf andere Menschen und auf Gott oder eine höhere Macht. Wenn alle drei Säulen vorhanden seien, sei das eine gut Basis, das Leben zu meistern, wenn eine Säule angeknackst sei, könne das noch ganz gut durch die anderen beiden abgefangen werden, aber mit nur einer Säule würde das Leben instabil.

Was macht Vertrauen so wertvoll? Etwas prosaisch betrachtet, stellt es eine erheblich Energieersparnis dar. Kontrolle, was man auf der Verhaltensebene als Gegenpol zum Vertrauen ansehen kann, ist anstrengend. Ich muss Informationen über mein Gegenüber und meine Umwelt sammeln, eigene Handlungen, um mich zu schützen, vorbereiten, und das ggf. in viele Richtungen. Das kostet Kraft. Und je größer mein Misstrauen ist, um so mehr muss ich bedenken und um so mehr Kraft brauche ich.

Und wenn dann auch das Vertrauen in mich selbst gering ist, setzt die ganze Situation Angst frei. Auf jeden Fall erzeugt sie, je nach Größe meines Misstrauens, eine Menge Stress. Und wenn dies Misstrauen zu groß wird, kann es dazu führen, dass ich krank werde oder dass ich durch mein Verhalten genau das Verhalten der anderen provoziere, das ich befürchtet hatte. Denn wer hat es schon gern, wenn ihm oder ihr nur mit deutlich erkennbarem Misstrauen oder gar Feindseligkeit begegnet wird.

All diese Anstrengungen und Komplikationen kann ich durch Vertrauen vermeiden. Ich kann mich entspannen und in intimen Beziehungen sogar hingeben. Mein Lebensgefühl verändert sich. Ich gewinne Kraft, das Leben zu gestalten, und kann es dann auch genießen und häufig auch andere Menschen in diese positive Entwicklung mit hineinziehen.

Trotzdem kann ich nicht 100%iges Vertrauen empfehlen. Nirgends. Denn schaut man sich einmal etwas genauer an, worauf sich die vertrauensvolle Erwartung bezieht, dann findet man zwei zentrale Komponenten: Die eine ist die Annahme, dass mein Gegenüber mir wohlgesonnen ist, die andere, dass es auch dazu in der Lage ist, meine inhaltlichen Erwartungen zu erfüllen.

Nunn kann man ja noch darüber spekulieren, ob es Menschen gibt, die mir 100%ig wohlgesonnen sind, Menschen oder Institutionen, die in allen Dingen 100%ig kompetent sind, gibt es mit Sicherheit nicht. Solch idealisierenden Erwartungen können nur enttäuscht werden. Und wie schnell wird nach solche einer Enttäuschung das Gegenüber dämonisiert, also nur noch als böse und als komplett unfähig wahrgenommen.

So geht es um das rechte Maß an Vertrauen, das beide Extreme vermeidet. Das auch dem Fremden, dem Anderen (der Behördenmitarbeiterin, dem Geflüchteten, dem Unfallgegner, der Obdachlosen, meinem Arbeitgeber), erst einmal eine positive Erwartung entgegenbringt, zumindest, sofern ich nicht konkrete Anhaltspunkte habe, dass diese Person es böse mit mir meint. Das aber auch damit rechnet, dass mein Gegenüber, also mein Partner oder meine Partnerin, die Kirche oder eine Behörde oder mein Arbeitgeber, genauso wie ich selbst, eigene Interessen und eigene Grenzen haben und diese so manches Mal den meinigen deutlich entgegengesetzt sind. So ist es dann sinnvoll, mich auch in diesen Beziehungen in einem angemessenen Maß zu schützen bzw. einen Streit zu riskieren. Denn, wenn es gut läuft, wird durch eine Auseinandersetzung eine Beziehung so verändert, dass niemand übervorteilt wird, und dass die Betroffenen mehr voneinander verstehen. Beides wäre dann eine gute Basis, um neues Vertrauen aufzubauen.

Aus meiner Sicht gelten diese Überlegungen auch für die Beziehung zu Gott. Auch wenn ich davon ausgehe, dass Gott es gut mit mir meint, so scheint es doch angesichts des Leidens in dieser Welt realistisch, anzunehmen, dass Gott nicht die Macht hat, zu erreichen, dass es allen Menschen auf dieser Erde gutgeht. Der Tod Jesu, aber auch der vieler Märtyrinnen und Märtyrer wie auch das Leiden vieler Propheten, weisen nach meinem Verständnis in dieselbe Richtung, die ja auch im Buch Kohelet / Prediger Salomo biblisch reflektiert wird. (Vgl. auch meiner Überlegungen in der Vorstellung von Catherine Kellers Buch „Über das Geheimnis”.)

Und beim Vertrauen in mich selbst? Auch da scheint mir klar, dass es gut und lebensförderlich ist, mir immer wieder die Fähigkeit zuzutrauen, das Leben zu bewältigen, und dabei zugleich zu wissen, dass auch ich an vielen Stellen scheitern kann und letztlich sterben werde. Denn so, wie mich das Wissen um die Grenzen der anderen vor Idealisierung und Dämonisierung schützen kann, so schützt mich das Wissen um die eigenen Grenzen davor, von mir Unmögliches zu erwarten und dann anschließend in Depression zu versinken.

Bezüglich der Frage, welches Maß an Vertrauen zu wem es denn nun ist, was in einer bestimmten Situation angemessen ist, scheint es mir oft keine eindeutigen Antworten zu geben. Nach meiner Erfahrung gibt es ein weites Spektrum an Vertrauen und Misstrauen, mit dem man in gesunder Weise das Leben bewältigen kann. Was die einzelnen davon leben, hängt unter anderem mit ihrer erblichen Konstitution, mit frühen und späten Erfahrungen und mit ihrer aktuellen Lebenssituation zusammen.

Natürlich können die daraus resultierenden Sicht- und Verhaltensweisen in bestimmten Situationen irritieren. Ich habe aber auch erlebt, dass diese oft eine Beziehung oder eine Gruppe bereichern können, indem sie für unterschiedliche Aspekte der Situation oder der Möglichkeiten ihrer Bewältigung stehen. Von daher sehe ich diese Vielfalt positiv. Nur die Extrempositionen sollten – wenn möglich – vermieden werden.

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