Im Grunde gut

Wie ist der Mensch? Ist er von seinem Wesen her ein egoistisches, bösartiges Tier, das durch Erziehung, Religion oder vom Staat angedrohte Gewalt gebändigt werden muss, oder ist er in seinem Kern eher auf Gemeinschaft und Kooperation angelegt, mit Gerechtigkeitsgefühl begabt und bereit, sich in guter Weise auch für andere und das Gemeinwohl einzusetzen? Der niederländische Autor Rutger Bregman verficht in seinem 2019 erschienen Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ (deutsch Hamburg, 2020) letztere Sicht.

Neben vielen Beispielen von Kooperation und Nächstenliebe auch unter härtesten Bedingungen (bis hin zum Vermeiden vieler Soldaten im Gefecht auf andere Menschen zu schießen, vgl. S. 102ff) referiert er auch die Theorie, der Mensch, genauer der homo sapiens, sei genau die Art der Gattung homo, die sich in der Evolution aufgrund ihres freundlichen, kooperativen Wesens durchgesetzt habe („survival of the most friendliest“) (S. 69ff).

Das führt natürlich unweigerlich zu der Frage, wie die vielen Grausamkeiten zustande kommen können, zu denen Menschen ja offensichtlich auch in der Lage sind. Hier sieht er mindestens drei Faktoren:

  1. Vom Kern her beziehe sich unsere Freundlichkeit eher auf Menschen, die uns nahe oder ähnlich sind (vgl. S. 236ff).
  2. Macht verändere Menschen in der Weise, dass sich ihr Schamgefühl, das normalerweise Abweichungen von einem kooperativen Verhalten eingrenze, massiv verringere (vgl. S. 250ff.).
  3. Die öffentliche implizite oder explizite Erwartung, dass Menschen egoistische Wesen seien, mache sie – zumindest tendenziell – zu solchen (vgl. seine Hinweis auf S. 27 auf den Nocebo-Effekt und S. 283 auf den Golem-Effekt und viele Stellen mehr).

Und insbesondere an letzterem Punkt setzt sein Buch an. Hier hat er einerseits die Nachrichten und andere Medien im Blick, die weit überproportional Schlechtes und Gewalttätiges berichten, und somit ein stark verzerrtes Menschenbild aufbauen. Und andererseits kritisiert er viele Wirtschafts- oder Managementtheorien, die den Menschen als faules oder egoistisches Wesen betrachten, das man dementsprechend kontrollieren oder motivieren müsse, ihm auf diese Weise seine positive Eigenmotivation nähmen und ihn dadurch gerade zu dem tendenziell faulen, egoistischen Wesen machten, das sie voraussetzten.

Letztlich ist er der Überzeugung, dass unsere gesamte Gesellschaftskonstruktion auf einem falschen Menschenbild beruhe, und dieser Fehler für viele Fehleinschätzungen und Fehlentwicklungen verantwortlich sei (Vgl. z. B. S. 415.). Im Umkehrschluss schreibt er dann:

„Sobald wir glauben, dass Menschen gut sind, ändert sich nämlich alles. Wir können unsere Schulen und Gefängnisse, unseren Rechtsstaat und unsere Demokratie vollkommen anders organisieren. Und wir selbst können auch ein anderes Leben führen.“

Ebd.

An dieser Stelle hat Bregman viele Sympathien von mir, und die Beispiele gelingenden Lebens unter dieser Prämisse sind aus meiner Sicht sehr inspirierend und lesenswert.

Womit Bregman sich allerdings nicht auseinandersetzt, ist die Macht der jetzt Herrschenden. Er schreibt zwar, die Entwicklung sei spätestens da gründlich schief gelaufen, als Menschen Staaten gründeten, als Anführer nicht mehr nur wegen ihrer Fähigkeiten zeitlich befristet und jederzeit auch wieder absetzbar für bestimmte Aufgaben gewählt wurden, sondern mit Machtmitteln wie Waffen und Beziehungen versehen dauerhaft an die Spitze blieben (vgl. z. B. S. 123ff.), doch reflektiert er nicht wirklich die Konsequenzen, die das für unser jetziges Leben und die Bedingungen zur Veränderung der Situation hat.

So beschreibt er zwar z. B., wie Herrschende sehr erfolgreich die Bereitschaft von Soldaten zum Töten erhöhen (einerseits Förderung der Kameradschaft und gewaltverherrlichender Drill und Konditionierung, andererseits vermehrte Nutzung von Distanzwaffen, vgl. S. 245ff.), aber in der Tiefe reflektiert er nicht die Bedeutung, die das für die Chancen eines Wandels hat, und setzt sich insbesondere auch nicht mit dem weiten Feld der medialen Manipulation und dem immer größer werdenden Kontrollpotential durch die moderne Elektronik auseinander.

Und die Beispiele zur Begrenzung von Gewalt beziehen primär auf die einfachen Straftäter*innen oder Terrorist*innen (S. 356 ff.), nicht aber darauf, wie ich Staatenlenker*innen, machtbesessene Demagog*innen oder Warlords stoppen kann.

Am Ende gibt er 10 Ratschläge für ein besseres Leben (S. 415ff), zu denen neben der Anregung, die Nachrichten zu meiden (S. 427.), auch die Aufforderung gehört: „Gehe im Zweifelsfall vom Guten aus,“ (S. 416) und weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass auch ein gelegentliches Betrogen-Werden weniger Schaden anrichtet, als ein ständiges Misstrauen (vgl. S. 418).

Ich vermute, dass er damit für Beziehungen in einem „normalen“ Umfeld Recht hat. Seine eigenen Recherchen zum Thema „Macht“ lassen es hingegen als ratsam erscheinen, das eigene Misstrauen um so größer werden zu lassen, je höher mein Gegenüber auf der Leiter der Macht geklettert ist. Aber auch dies sollte nicht blind erfolgen. Auch da gilt sicher bis zu einem gewissen Maß (und gerade in den mittleren Bereichen der Macht) die Annahme, dass die Erwartungen der anderen das eigene Verhalten mitprägen, sodass es auch hier lohnt, genau hinzuschauen, was die andere Person wirklich antreibt und sich auch auf die lebensförderlichen Aspekte zu beziehen und diese zu unterstützen (vgl. auch meinen Beitrag zum Thema Vertrauen.).

Meine Sicht ist, dass Menschen, so wie sie heute real existieren, sowohl Neigungen zu gutem wie bösem Verhalten haben. Und die Befunde von Bregmans Buch widersprechen dem auch nicht. Seine Betonung des „Guten“ als auch evolutionär in uns angelegt verstehe ich als sinnvolles Gegengewicht zu den die öffentliche Wahnehmung dominierenden (und auch die Macht der Herrschenden legitimierenden) Theorien, die Menschen von ihrem Wesen her als faul und gewalttätig beschreiben.

Die vielen erhellende Beispiele und Argumente, die er dafür bringt, haben das Buch für mich sehr lesenswert gemacht. Eine Lösung zur Rettung der Welt kann (und muss) es nicht bringen. Trotzdem eine Empfehlung für den weihnachtlichen Gabentisch.

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