Alternativen zur Gewalt in Syrien

Ich habe kürzlich an der Jahrestagung des Deutschen Zweigs des Internationalen Versöhnungsbundes unter der Überschrift „Den Mythos der Gewalt überwinden – Die Mächte kreativ verwandeln” teilgenommen und mich dort in einer Arbeitsgruppe unter der Leitung von Christine Schweitzer der Frage gewidmet, wie der IS zu verstehen ist und welche Antworten darauf möglich wären.

Christine Schweitzer

Christine Schweitzer

Mir sind dabei mehrere Dinge deutlich geworden. Zum einen, die Macht der Gewalt ist wirklich ein Mythos. Vielleicht noch aus unseren Erfahrungen in der Kindheit glauben wir, mit „guter” menschenfreundlicher Gewalt könnte man Konflikte stoppen, so wie ein Elternteil einen Streit unter Kindern stoppen kann, indem es sich zwischen die Streithähne stellt oder eines der Kinder hinausnimmt.

Die Realität ist allerdings, dass in der Regel gerade Völkermorde militärisch nicht verhindert werden können, selbst wenn es möglich ist, die mordende Partei hinterher militärisch zu bestrafen. Weiterlesen

Hirntod = Ganztod? Zur Stellungnahme des Deutschen Ethikrats

Am 24. Februar hat der Deutsche Ethikrat eine umfangreiche Stellungnahme zu Hirntod und Entscheidung zur Organspende veröffentlicht, in der er sich der wieder aufgebrochenen Debatte stellt, ob der Hirntod der Tod des Menschen ist, und ob er als Voraussetzung für eine Organentnahme ausreicht. Ausführlich werden dort verschiedene Todesverständnisse beschrieben, sich auf eines geeinigt und danach diskutiert, ob  der Hirntod ein Tod nach diesem Todesverständnis wäre und was das für die Organentnahme bedeutet. Nicht diskutiert werden Zweifel, wie kompetent und sicher die Hirntoddiagnostik in Deutschland zurzeit durchgeführt wird.

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Präpariertes menschliches Gehirn

Dabei sind sich die Mitglieder des Deutschen Ethikrats an vielen Punkten einig: Weiterlesen

Die Freiheit des Lachens

In den Zeiten von Karneval und den Angriffen muslimischer Extremisten auf Charlie Hebdo habe ich mir die Frage gestellt, wie eigentlich die Bibel zum Lachen steht. Ganz leicht zu beurteilen ist das nicht, denn viele ihrer Witze und Anspielungen verstehen wir gar nicht mehr (so bei der satirischen Königswahl in Richter 9 oder dem Spott über die (auf das römische Militär anspielende) „Legion” böser Geister (Markus 5), die in die Schweineherde fährt). Aber es gibt biblischen Spott und biblische Satire, und ihre Aufgabe war es, wie heute auch, menschlich problematische Zustände zu kritisieren. Und die einen werden darüber gelacht haben, und die anderen sind wohl darüber verärgert gewesen.

PfarrerwitzGut ist es, wenn es die Schwachen sind, die lachen können, und die Starken, die sich ärgern. Sich über einen am Boden Liegenden lustig zu machen, ist genauso menschenverachtend, wie auf einen Besiegten einzutreten. (Das unterscheidet Judenwitze von jüdischen Witzen.) Aber alle, die Menschen unterdrücken oder Gewalt und Zwang propagieren, haben Spott und Satire verdient, egal ob es Politiker, Wirtschaftsführer, Militärs oder Kirchenleute sind. Weiterlesen

„Goldene“ Sätze: Wer lebt, stört

Wer lebt, stört. – Klingt vielleicht trivial, ist es aber eigentlich nicht. Denn wie oft wollen wir Störungen vermeiden.

Wer lebt, stört. – Das heißt: Unser Leben ist immer auch Störung anderer. Der Stuhl, den wir besetzen, steht anderen nicht zur Verfügung; das Brot, das wir essen, nährt andere nicht; in der Zeit, in der wir reden, machen wir anderen das Reden schwer.

elefant-mausWer lebt, stört. – Dieser Umstand lässt sich nicht vermeiden. Wenn ich es dennoch versuche, hat das zwei Effekte. Erstens droht mir die Luft auszugehen. Ich nehme mir den Raum, den ich für meine Lebensaktivitäten bräuchte. Das geht zu meinen Lasten. Zweitens verstecke ich schnell meine Fähigkeiten und gebe der Welt nicht das, was ich ihr geben könnte. Das geht zu Lasten aller.

Wer lebt, stört. – Dieser Satz ist eine Einladung an alle Schüchternen, sich den Raum zu nehmen, den sie brauchen: andere im Gespräch zu unterbrechen, die eigene Meinung zu vertreten, eigene Ziele zu verfolgen, in Konkurrenz zu gehen. Er ist kein Freibrief an alle Egoisten, sich selbst absolut zu setzen und das große Ganze aus den Augen zu verlieren.

Denn auch der Satz stimmt: Alles ist mit allem (irgendwie) verbunden. Ja, das Leben lebt von Störung und Harmonie gleichermaßen. Sonst wäre es langweiliger Stillstand oder sich selbst vernichtendes Chaos.

Wer lebt, stört. – Was wir daraus machen, liegt an uns.

Zu schneller kirchlicher Konsens in Deutschland? Ethikrat kritischer

Die Landessynode meiner Kirche (der EKvW) hat auf ihrer letzten Synode beschlossen: „Die Landessynode nimmt den Impuls des Präsesberichtes auf und betont: ‚Tötung auf Verlangen ist in Deutschland verboten. Das soll so bleiben.‘ Im aktuellen Diskussionsprozess um Beihilfe zur Selbsttötung steht die Synode zu dem Satz: ‚Jede Form organisierter oder gar geschäftsmäßiger Beihilfe zur Selbsttötung ist strikt abzulehnen und zu unterbinden.'“  Als Beleg wird auf die Schrift des Rates der EKD von 2008 verwiesen: „Wenn Menschen sterben wollen – Eine Orientierungshilfe zum Problem der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung“ Ein Beitrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD Texte 97).1  Anschließend wird die Kirchenleitung auf dieser Grundlage gebeten, einen Konsultationsprozess mit der Frage zu initiieren, wie „die menschliche Würde an der Lebensgrenze zu wahren und ihr zu entsprechen ist.“2 Weiterlesen

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann …

Predigt im Lukas-Krankenhaus Bünde über die Leipziger Karte „Herbstblatt“ (Nr 421_0) und Mt 11,28-30 zu den Gedächtnisgottesdiensten Herbst 2014

Gnade sei mit Euch und Friede von dem der da ist, und der da war und der da kommt.

Liebe Gemeinde,

auf der Suche nach einer Karte für die Gottesdienste zum Gedächtnis der verstorbenen Patienten unseres Krankenhauses bin ich auf eine Karte mit einem Text von Dietrich Bonhoeffer gestoßen, den er in einem Brief zum Heiligabend 1943 aus dem Gestapo-Gefängnis heraus geschrieben hat.

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen …
Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“
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„Goldene“ Sätze: Schonen schadet

Ein Satz aus der Tradition der KSA, der Klinischen Seelsorgeausbildung. Kerstin Lammer zitiert ihn z.B. in ihren Tipps für die Trauerbegleitung1. Ein Satz, so wahr wie falsch, hilfreich wie gefährlich. Immer nur im richtigen Zusammenhang zu verstehen.

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David und Goliath, Maler Guido Reni, 1610

Falsch ist dieser Satz immer dann, wenn er sich auf traumatisierte Menschen bezieht.2 Falsch ist er, wenn er das Gefühl für den anderen zum Schweigen bringt. Falsch ist er, wenn er dazu dient, der eigenen Lust nach Dominanz und Aggression eine Begründung zu liefern.

Stark ist dieser Satz, wo er hilft, den Raum für die Bearbeitung von Gefühlen zu öffnen. Wo er in einem Gespräch mit Schwerkranken ermöglicht, das Schweigen zu überwinden und Ängste auszusprechen. Weiterlesen

„Goldene“ Sätze: 50% beim anderen bleiben fremd

Angeregt durch Sheldon B. Kopps eschatologischem Waschzettel (in seinem Buch: Triffst du Buddha unterwegs) möchte ich in nächster Zeit über einige Sätze nachdenken, die mir in meinen Ausbildungen im Bereich Tiefenpsychologischer Körpertherapie und Pastoralpsychologischer Supervision wichtig geworden sind.

Anfangen werde ich mit dem Satz: „50% beim anderen bleiben fremd.“, den ich von Peter Anders-Hoepgen, dem viel zu früh verstorbenen Dortmunder Studentenpfarrer und Lehrtherapeuten, gehört habe.

50prozent Weiterlesen

Aus Nächstenliebe Krieg führen?

Gedanken zu einer Theorie des gerechten Krieges

Wie ich in meinem Post im Mai begründet habe, ist nach meiner Überzeugung inhaltliches Kriterium jeglicher christlicher Ethik, dass sie dem Gebot der Nächstenliebe verpflichtet ist. Dieses hat aus meiner Sicht auch Vorrang vor allen biblischen Einzelanweisungen und sollte helfen, diese zu interpretieren und auszulegen. Dabei habe ich mich immer wieder gefragt, was dies für die Auseinandersetzung um Krieg und Frieden, Rüstung und Militär zu bedeuten hat.

Offensichtlich ist, dass Christen in dieser Angelegenheit zu recht unterschiedlichen Einschätzungen gekommen sind. Hat sich die Urchristenheit weitgehend des Kriegsdienstes enthalten, wurde später der Staat in seiner Funktion, Gewalt zu begrenzen, als gutes Instrument Gottes wahrgenommen und ihm in diesem Rahmen das Recht zugestanden, in einem begrenzten Umfang auch militärische Gewalt auszuüben. Dabei wurden die Bedingungen dafür, dass ein militärisches Eingreifen erlaubt sein könnte, zwar unterschiedlich definiert, betrafen aber immer einerseits den Kriegsgrund (der ein gerechter sein musste wie Selbstverteidigung oder Nothilfe, nicht jedoch Eroberung oder Mission), andererseits die Kriegsführung (vorheriges Angebot einer friedlichen Lösung, Verhältnismäßigkeit der Mittel, Schonung der Zivilbevölkerung, Schonung des besiegten Gegners etc.) und schließlich auch die realistische Möglichkeit, den Krieg zu gewinnen.1 Weiterlesen

Die Einheit des Christentums…

Die Einheit des Christentums….

Der obige Beitrag bringt es aus meiner Sicht auf den Punkt. Die Einheit des Christentums entsteht nicht durch Einförmigkeit der Meinungen noch durch autoritäre Vorgaben, sondern durch ein gegenseitiges Ernstnehmen auch im Dissens und eine Streitkultur, die das  Ringen um Wahrheit ernst nimmt, die andere Seite menschlich achtet und um und um die eigene Fehlbarkeit weiß.

In diesem Sinne wünsche ich mir eine entwickeltere Streitkultur in unserer Kirche, aber auch unter den Konfessionen.