Die Freiheit des Lachens

In den Zeiten von Karneval und den Angriffen muslimischer Extremisten auf Charlie Hebdo habe ich mir die Frage gestellt, wie eigentlich die Bibel zum Lachen steht. Ganz leicht zu beurteilen ist das nicht, denn viele ihrer Witze und Anspielungen verstehen wir gar nicht mehr (so bei der satirischen Königswahl in Richter 9 oder dem Spott über die (auf das römische Militär anspielende) „Legion” böser Geister (Markus 5), die in die Schweineherde fährt). Aber es gibt biblischen Spott und biblische Satire, und ihre Aufgabe war es, wie heute auch, menschlich problematische Zustände zu kritisieren. Und die einen werden darüber gelacht haben, und die anderen sind wohl darüber verärgert gewesen.

PfarrerwitzGut ist es, wenn es die Schwachen sind, die lachen können, und die Starken, die sich ärgern. Sich über einen am Boden Liegenden lustig zu machen, ist genauso menschenverachtend, wie auf einen Besiegten einzutreten. (Das unterscheidet Judenwitze von jüdischen Witzen.) Aber alle, die Menschen unterdrücken oder Gewalt und Zwang propagieren, haben Spott und Satire verdient, egal ob es Politiker, Wirtschaftsführer, Militärs oder Kirchenleute sind.

Witze bringen Selbstverständliches (auch selbstverständliche Herrschaft) zumindest gedanklich erst einmal ins Wanken. Das hat dazu geführt, dass das Lächerlich-Machen religiöser Inhalte immer wieder bekämpft wurde. Betrachte ich allerdings die Kritik des Alten Testaments an den Königen Israels (auch an den größten wie David oder Salomo), betrachte ich den Umgang Jesu mit den Herrschenden seiner Zeit, betrachte ich die in der Bibel dokumentierten Auseinandersetzungen innerhalb der urchristlichen Gemeinden, dann wird deutlich, dass aus ihrer Sicht kein Mensch und keine Institution in dem Sinne heilig wäre, dass man sie nicht kritisieren und damit auch nicht über sie lachen dürfte.

Es gibt allerdings eine Hinsicht, in der wir Menschen heilig sind: Aller Witz sollte unsere Würde nicht angreifen. Aber heilig sind wir nicht, weil wir unfehlbar oder in unseren Entscheidungen unantastbar wären, sondern weil Gottes Liebe uns eben diese Würde gibt. Auch Bauten, Plätze, Institutionen können in gewisser Hinsicht heilig sein, wenn wir darin Gottes Nähe in besonderer Weise erfahren können. Aber all das schließt Kritik und Spott in keiner Weise aus, wenn sie Missstände aufdecken oder sich über die kleinen menschlichen Eitelkeiten lustig machen. Das kann dann befreiende und aufdeckende Wirkung haben (oder gar zur Selbsterkenntnis dienen).

In diesem Sinne ist nicht nur der Karneval, sondern auch die Aufklärung mit der Freiheit zu Kritik und Satire ein legitimes Kind des Christentums. Und das gilt auch dann, wenn solcher Spott denen weh tut, die sich zu sehr mit einer Sache oder Institution identifizieren.

Ich finde, darauf können wir stolz sein, zumindest wenn wir darauf achten, dass es nicht die trifft, die sowieso schon ausgegrenzt am Rande stehen. Siehe oben.

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