Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann …

Predigt im Lukas-Krankenhaus Bünde über die Leipziger Karte „Herbstblatt“ (Nr 421_0) und Mt 11,28-30 zu den Gedächtnisgottesdiensten Herbst 2014

Gnade sei mit Euch und Friede von dem der da ist, und der da war und der da kommt.

Liebe Gemeinde,

auf der Suche nach einer Karte für die Gottesdienste zum Gedächtnis der verstorbenen Patienten unseres Krankenhauses bin ich auf eine Karte mit einem Text von Dietrich Bonhoeffer gestoßen, den er in einem Brief zum Heiligabend 1943 aus dem Gestapo-Gefängnis heraus geschrieben hat.

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen …
Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“

Wie gesagt, Bonhoeffer hat diese Worte angesichts seines letzten Weihnachtsfest geschrieben, und erst einmal beziehen sie sich auf die Trennungen, die durch seinen Gefängnisaufenthalt, aber auch durch die Kriegssituation insgesamt verursacht werden. Dennoch lassen sie sich m. E. in gewissen Weise auch auf Trauersituationen durch den Tod übertragen.

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen;“

Dies ist ein wunderbarer Satz gegen alle, die den Verlust verharmlosen wollen. Vielleicht kennen Sie so schlaue Ratschläge wie: „Denk dran, du bist doch gar nicht allein, du hast doch noch deine Kinder. Ganz so schlimm ist deine Situation doch gar nicht.“ Oder: „Du hast doch noch deinen Mann, dann muss dich der Tod deines Kindes doch nicht umhauen.“ Oder auch: „Halte dich doch an Gott, der ist doch da, für den, der glaubt, hat der Tod doch seinen Schrecken verloren.“ Oder etwas praktischer: „Unternimm doch was, dann geht es dir gleich besser und das alles ist nicht mehr so tragisch.“

Gegen all diesen falschen Trost schreibt Bonhoeffer mit großer Klarheit an, wobei die Karte nur eine gekürzte Version des Briefauszugs enthält. Das Original erläutert den Satz noch eindrücklich:

Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.“

Und damit trifft Bonhoeffer einen entscheidenden Punkt: Der Schmerz der Lücke verbindet uns tatsächlich mit dem nun fehlenden Menschen, das ist auch in der jüngeren Diskussion zur Trauerarbeit klar geworden.

Wobei wir natürlich fragen können: Wollen wir diese Verbindung durch den Schmerz eigentlich? Bonhoeffer kann dies in seiner Situation klar bejahen und so fährt er fort:

Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren.“

Ja, in seiner Gefangenschaft, in seiner von den Nazis erzwungenen Isolierung, will Bonhoeffer diese Verbindung und diese Gemeinschaft auf jeden Fall bewahren. Und in seiner Situation besteht ja auch die Hoffnung, dass sich die Lage einmal wieder ändern kann.

Da ist Ihre Situation eine andere. Es ist klar, dass Sie die alte Gemeinschaft mit dem oder der Verstorbenen auf Erden nicht wiedererlangen werden. Und so haben Sie jedes Recht, für sich die Frage zu stellen, wie viel Gemeinschaft mit der oder dem Verstorbenen Sie im Moment noch wollen. Und ich vermute sehr, dass die Antwort im Einzelnen durchaus unterschiedlich ausfallen wird.

Und damit wird deutlich, dass die Frage, wie viel Nähe durch Schmerz Sie mit der Ihnen lieben Person auch weiterhin haben möchten, zumindest zum Teil Ihre eigene Entscheidung ist – bewusst oder unbewusst – und dass sie es auch sein darf!

Sie entscheiden, wie viel Verbindung Sie halten und wie viel Sie aufgeben wollen, Sie gestalten in Ihrem Inneren mit, wie stark Sie diese alten Verbindung noch binden darf oder soll.

Aus meiner Sicht kann es stimmig sein, eine ganz tiefe Bindung zu einem geliebten Menschen zu bewahren und sein Leben weiter in enger Ausrichtung auf den Verstorbenen zu leben. Also z. B. täglich zum Friedhof zu gehen, alle wichtigen Dinge mit ihr zu besprechen, seine Sachen weiter zu pflegen oder das Zimmer eines verstorbenen Kindes viele Jahre unverändert zu lassen.

Es kann aber auch stimmig sein, diese Verbindung zu reduzieren. Zum einen waren manche Verbindungen ja auch eine Last, die abzulegen gut tun würde, und zum anderen wartet da auch neues Leben mit neuen Möglichkeiten und neuen Bindungen. Und in vielen Fällen wäre es durchaus im Einklang mit dem Willen der Verstorbenen, wenn wir es schafften, uns diesem Leben auch wieder neu zu öffnen.

So kann für Sie beides passen, ein langes oder wiederkehrendes Verweilen im Schmerz, aber auch ein Loslassen und Neuergreifen anderer Lebensmöglichkeiten. Schön ist es, wenn gelingt, was Bonhoeffer am Ende dieses Briefabsatzes schreibt:

Ferner: Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“

Und im Prinzip ist es doch genau das, worum es im Trauerprozess geht. Es geht darum, den Schmerz der Erinnerung in Dankbarkeit umzuwandeln. Dazu ist es einerseits nötig, den Schmerz über das Schwierige und das Nicht-Gelebte loszulassen, was bedeutet: Nachdem ich der Schmerz erlebt und durchlitten habe, muss ich es innerlich akzeptieren, dass manches mit diesem Menschen nie möglich war und dass es eben nun auch mit Sicherheit nie mehr möglich sein wird. Und von daher darf und muss ich auch meine Aufmerksamkeit und meine Sehnsucht davon abziehen.

Und anderseits geht es darum, das Schöne, was ich mit diesem Menschen erlebt habe, als Bereicherung meiner eigenen Biografie zu genießen, als Momente, an die ich mich erinnern kann, die mir niemand nehmen kann und die mein Leben immer bereichern werden.

Wenn so etwas geschieht, ist aus meiner Sicht, das Ziel der Trauer erreicht. Aber der Weg dahin braucht Kraft, viel Kraft, denn er ist eine harte innere Arbeit.

Und da kommt für mich der Satz aus der Evangeliumslesung ins Spiel: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Meine Überzeugung ist, Jesus oder Gott will uns in unserer Trauer stärken, er will uns helfen, unsere Last zu tragen, will uns Oase sein in der Wüste unserer Trauer, eine Quelle neuen Muts, wenn wir nicht mehr weiterkönnen.

Um sich dessen zu vergewissern, ist es gut, sich zu öffnen und den Kontakt mit Gott zu suchen. Das kann im Gottesdienst passieren, so wie Sie es jetzt gerade tun. Das kann im Gebet geschehen, wenn Sie sich mit Ihrer Situation vor Gott bringen und darin auf seine Antwort hören. Es kann aber auch im Gespräch mit anderen Menschen sein, nämlich mit Menschen, die uns guttun und die uns helfen, Gottes Gegenwart und Liebe zu spüren.

Ja es gibt viele Wege, wie Gott sich uns zeigen kann. Von daher wünsche ich Ihnen, wünsche ich uns, dass wir uns immer wieder auf diesen Kontakt einlassen, dass wir seine göttliche Gegenwart in uns zulassen und dass wir darin immer wieder die Stärkung erfahren, die uns Jesus versprochen hat.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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