Alternativen zur Gewalt in Syrien

Ich habe kürzlich an der Jahrestagung des Deutschen Zweigs des Internationalen Versöhnungsbundes unter der Überschrift „Den Mythos der Gewalt überwinden – Die Mächte kreativ verwandeln” teilgenommen und mich dort in einer Arbeitsgruppe unter der Leitung von Christine Schweitzer der Frage gewidmet, wie der IS zu verstehen ist und welche Antworten darauf möglich wären.

Christine Schweitzer

Christine Schweitzer

Mir sind dabei mehrere Dinge deutlich geworden. Zum einen, die Macht der Gewalt ist wirklich ein Mythos. Vielleicht noch aus unseren Erfahrungen in der Kindheit glauben wir, mit „guter” menschenfreundlicher Gewalt könnte man Konflikte stoppen, so wie ein Elternteil einen Streit unter Kindern stoppen kann, indem es sich zwischen die Streithähne stellt oder eines der Kinder hinausnimmt.

Die Realität ist allerdings, dass in der Regel gerade Völkermorde militärisch nicht verhindert werden können, selbst wenn es möglich ist, die mordende Partei hinterher militärisch zu bestrafen. So wurden im Schatten des 2. Weltkriegs viele Millionen Juden ermordet, so gab es die massiven serbischen Übergriffe im Kosovo erst nach Beginn des Bombardement durch die NATO, so kamen auch in Ruanda alle Versuche den Völkermord militärisch zu stoppen viel zu spät. (Vergleiche dazu den sehr lesenswerten Vortrag von Dietrich Becker Hinrichs, Menschen schützen – mit aller Gewalt oder gewaltfrei, besonders die Seiten 7ff.) Und wenn natürlich nicht auszuschließen ist, dass durch das militärische Eingreifen weitere Morde verhindert werden konnten, so gehört es doch umgekehrt zu den „Nebenwirkungen“ dieser Maßnahmen, dass sie oft die materielle, psychische oder ideologische Basis für neue Gewalttaten bilden und somit neue Verbrechen heraufbeschwören.

Das zweite, was mir wieder bewusst geworden ist, es gibt Alternativen, die zum Teil auch heute schon praktiziert werden. So kam es immer wieder mal zu lokalen Waffenstillständen und zu verschiedenen örtlichen gewaltlosen Widerstandsformen gegen den IS wie Demonstrationen, Veröffentlichung verbrecherischer Praktiken, lokalen Generalstreiks oder auch den erfolgreichen Schutz einer als häretische angesehenen Moschee. All dies wird im Aufsatz „Nachdenken über das Unvorstellbare:
Soziale Verteidigung gegen den Islamischen Staat” von Christine Schweitzer gut beschrieben.

Dort reflektiert sie auch, dass jede Herrschaft letztlich darauf angewiesen ist, dass die Beherrschten mit ihr kooperieren, und sie beschreibt Wege, wie längerfristig die Macht des IS zerbröckeln (oder sich der IS wandeln) kann. Schließlich gehören zum IS Menschen mit einer Fülle unterschiedlicher Motive, die prinzipiell auch beeinflussbar sind.

Zu den Einwirkungsmöglichkeiten könnte es sicher auch gehören, den politischen und wirtschaftlichen Druck auf die Förderer des IS z.B. auch in der Türkei oder Saudi Arabien zu erhöhen. Ein Versuch, die zivilen Kräfte in Syrien zu stärken, sind die Bemühungen der Nonviolent Peaceforce, die jetzt auch finanziell von der EU unterstützt werden.

Letztlich gibt es keine einfachen und vor allem keine schnellen Lösungen in diesem Konflikt. Doch so sehr ich niemandem das moralische Recht absprechen will, sich gegen die Bedrohung seines Lebens auch gewaltsam zu verteidigen, so sehr möchte ich davor warnen, daraus eine Handlungsstrategie zu machen, die wir von außen mit Waffen oder gar eigenen Truppen unterstützen sollten. Umgekehrt sollten wir alles in unserer Macht mögliche tun, um das Leiden zu mindern, also z.B. Flüchtlinge bei uns oder in den Nachbarländern unterstützen.

Mehr zu den Möglichkeiten gewaltlosen Widerstands in Syrien auch unter: http://www.huffingtonpost.com/eli-s-mccarthy/isis-nonviolent-resistanc_b_6804808.html

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