Gott dynamisch denken

Impulse aus dem Buch von Catherine Keller „Über das Geheimnis“ – Gott erkennen im Werden der Welt – Eine Prozesstheologie

Vorbemerkung

Mindestens seit meiner Jugend bin ich auf der Suche nach Gott. Und diese Suche zeitigt zwar immer wieder Ergebnisse, ist aber nie abgeschlossen, sondern wird durch neue Lebenserfahrungen und auch neue spirituelle Impulse immer wieder verändert.

Als denkender und fühlender Mensch hat die Suche nach Gott für mich zwei Dimensionen: die emotionale und die gedankliche. Beide sind für mich wichtig. Gefühlsmäßig erfahrbar wurde Gott für mich in der Stille, in der Meditation, in bestimmten Gottesdiensten, in gemeinsamen politischen Aktionen der Gewaltfreiheit, im Gebet und im Handauflegen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Gedanklich war es mir immer wieder wichtig, ein solches Gottesbild zu entwickeln, das mit den Erfahrungen von mir und anderen Menschen zusammenpasst und für unser Leben relevant ist. Dazu gehört, dass es in sich keine logischen Widersprüche aufweisen soll (was nicht meint, dass die Gotteserfahrung keine Ambivalenzen haben dürfte), dass es die Erfahrungen und Erkenntnisse des Menschen nicht leugnet, sondern sie erklärt und in einen – ggf. auch korrigierenden – Rahmen stellt, und dass es deutlich macht, was diese Welt von einer solchen (natürlich nur theoretisch gedachten, denn es gibt ja nur diese eine) unterscheidet, von der ich nicht sagen würde, dass Gott in ihr wirksam ist.

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Nach meinem Studium habe ich nicht mehr  viele Bücher gelesen, die diesen Prozess meiner Gotteserkenntnis beflügelt hätten. Das Buch der amerikanischen Theologin Catherine Keller „Über das Geheimnis“,  2008 auf Englisch erschienen und 2013 ins Deutsche übersetzt, könnte eines von ihnen sein.

Glaube als Prozess

Denn so schreibt Keller in ihrem Prolog:

„Der Glaube ist keine festgelegte Meinung, sondern ein lebendiger Prozess. Er ist gerade die Grenze und die Öffnung zu einem Leben im Prozess. Leben [ich würde sagen ‚Leben im Glauben’, HP] bedeutet vertrauensvoll in den nächsten Moment einzutreten: in das Unvorhersagbare.“ (S. 16)

Dies beschreibt meine eigene Erfahrung und aus meiner Sicht auch einen großen Teil der biblischen Tradition. Abraham, das Volk Israel in Ägypten und später im Exil, Jesu Jüngerinnen und Jünger, Paulus und die anderen frühen Christinnen und Christen – sie alle wurden dazu gerufen, aufzubrechen und im Vertrauen auf Gott neue Schritte im Leben zu tun.

Keller schreibt dann weiter:

„Der Geist, in dem wir reisen, ist ein Geist im Prozess. Und so wird das Göttliche selbst – das wir als ‚Gott’ benennen und uns vorstellen können – im Prozess wahrgenommen werden. (…) Unsere theologischen Bilder werden sich verändern, vervielfältigen und entwickeln; und das, was wir uns in diesen Bildern vorstellen, wird als lebendiger Prozess erkannt. Die Bedeutung von Prozess in diesem Buch ist Werden: Der Begriff bezeichnet die Intuition, dass das Universum selbst in seinem tiefsten Grund weder ein statisches Wesen noch das Produkt eines statischen Wesens ist – sondern ein unermessliches Werden.“ (ebd., Hervorhebungen wie auch bei den weiteren Zitaten von der Autorin)

Für mich verbinden diese Sätze in treffender Weise meine alte von Paul Tillich her erlangte Überzeugung, dass Gott nicht ein höchstes Wesen neben/über anderen ist (sondern, symbolisch gesprochen, der Grund unseres Seins, die Urkraft, die dieses Universum geschaffen hat und am Sein erhält) mit der von mir geteilten Erkenntnis, dass dieses Universum ein dynamisches ist, welches in vielfältiger Weise danach strebt, Neues hervorzubringen, aber auch wieder zu vernichten.

Ein dritter Weg zwischen Dogmatismus und Beliebigkeit

Das Buch handelt dann im Weiteren in Auseinandersetzung mit zentralen Texten der biblischen Tradition und ausgewählten Positionen der Theologiegeschichte vor allem davon, dass es unsere Aufgabe als Menschen ist, uns immer wieder neu diesem Prozess anzuvertrauen und ihn so mitzugestalten, dass dieses Werden ein Liebevolles und Humanes wird, das Lebensmöglichkeiten entwickelt, statt sie zu zerstören.

Damit versucht sie zwei Positionen zu überwinden, nämlich eine, die sie die „absolute“ nennt, die ein genaues Bild davon habe, was Gott sei und was Gott wolle und sich z. B. in vielen Formen des konservativen christlichen Spektrums zeige, und die andere, die von ihr als „dissolut“ bezeichnet wird, was auf Englisch erst einmal so etwas wie „liederlich, lasterhaft oder zügellos“ bedeutet und bei ihr die Aufgabe von Werten oder klaren Vorstellungen meint. (Vgl. S. 18.) Sie will einen dritten Weg, der entschlossen „resolut“ (vgl. z. B. S. 229ff) daran festhält, dass Gott Entscheidendes zu sagen und zu unserem Leben beizutragen hat, aber ohne, dass wir es ein für allemal wissen oder gar anderen aufzwingen könnten (vgl. S. 13).

Ein allmächtiger Gott?

Was dies konkret bedeutet, buchstabiert sie an Themen wie Wahrheit, Geist, Schöpfung, Macht, Liebe, Gerechtigkeit und Christus durch, wobei mir das Thema „Macht“ zentral erscheint. Keller lehnt die Vorstellung eines allmächtigen Gottes zugunsten eines „nur“ allgegenwärtigen ab. Dabei weist sie zurecht darauf hin, dass die Allmacht Gottes zwar Teil unseres Glaubensbekenntnisses ist, dass der biblische Befund aber sehr viel weniger eindeutig sei. So sei die Wiedergabe des hebräischen Gottesnamens El Shaddai mit „der Allmächtige“ ein Übersetzungsfehler. (S. 115.)

Keller nimmt an, dass die ursprüngliche Bedeutung von „El Shaddai“ „die Bebrüstete“ gewesen sei und weist darauf hin, dass auch Bedeutungen aus dem Umfeld von „Berg, Geist und vielem mehr“ zu „lebendiger und offener Interpretation“ einladen. (S.274.) Die Übersetzung „Allmächtiger“ , z. B. in der Lutherbibel, ist allerdings auch nicht willkürlich, sondern lehnt sich an die ca. 2000 Jahre alte griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel an, die „El Shadda“i an vielen Stellen mit „pankreator“, Allherrscher wiedergibt. Auch das Neue Testament, das ja auf Griechisch geschrieben ist, benutzt dieses Wort an drei Stellen in der Offenbarung des Johannes. 

Wichtig ist ihr dieser Gedanke sowohl in Bezug auf die Theodizeefrage wie in Bezug auf die menschliche Freiheit. Die Theodizeefrage ist ja die Frage, wie Gott zugleich allmächtig und liebend also den Menschen wohlgesinnt sein kann, wenn er solches Leid zulässt oder gar selbst bewirkt wie den Holocaust, den qualvollen Tod kleiner Kinder oder den hunderttausendfachen Tod der Tsunamis 2004, um nur ein paar besonders eindrückliche Beispiele zu nennen.

Es ist eine Frage, die manche dazu treibt, die Existenz Gottes für unmöglich zu halten. Andere versuchen, die Frage dadurch zu lösen, dass sie das Leiden relativieren, es habe einen Sinn, sei Prüfung oder gerechte Bestrafung oder ein Nichts im Vergleich zu dem, was uns am Ende erwarte.

Hiob

Keller weist zurecht darauf hin, dass diese Frage keineswegs neu ist, sondern in der Bibel z. B. schon das Buch Hiob durchzieht. Da wehrt sich der als moralisch gerecht beschriebene Hiob, dem mannigfaches schweres Leiden zugefügt wurde (neben dem Verlust eines Großteils seines Vermögens und seiner Kinder auch massive körperliche Probleme) gegen alle gut gemeinten Erklärungsversuche seiner Freunde und klagt immer wieder Gott an, dessen Gerechtigkeit er einfordert. Schließlich hat er eine Gottesbegegnung, in der sich ihm Gott in einem Wirbelsturm zeigt und ihn fragt, wo er denn gewesen sei, als er, Gott, die Welt mit all ihren mächtigen und chaotischen Wesen geschaffen habe. Daraufhin geschieht ein Doppeltes: Hiob gibt seinen Protest auf – und Gott gibt Hiob mit seinem Protest recht und rechtfertigt ihn ausdrücklich gegenüber seinen Freunden. Und schließlich, schönes Happy End, wird er auch wieder gesund, reich und Vater vieler neuer Kinder.

Kellers deutet diese Geschichte folgendermaßen:

„Ist dies die Wahrheit des Wirbelsturms: dass Gott, der ‚Geist des Weltsturms‘ nicht unser Leiden will, sondern eine Welt, die als lebendiges, wirbelndes, offenes System besteht? Diese Welt ist zufällig unsere Schöpfung, die reale Welt mit ihren endlichen Geschöpfen, die leben, essen, riskieren, jubeln und sterben, eine Welt voller Veränderung und wechselseitiger Abhängigkeiten, in der das Leiden unvermeidlich ist. Doch dieses Genesis–Kollektiv ist sogar – oder besser: gerade – in seinem Chaos so lebendig, dass sich immer wieder neues Leben ereignet. Deshalb kann, selbst für jemanden, der so tragisch verletzt wurde wie Ijob, neues Leben stattfinden.“ (S. 118.)

In dieser Auslegung klingt Kellers Grundhaltung an, diese Welt nicht als von Gott aus dem Nichts fertig Geschaffenes, bis ins Einzelne hindurch Durchkonzipiertes zu verstehen (vgl. dazu vor allem Kapitel 3), sondern als einen lebendigen, chaotischen Prozess, den Gott im Zusammenwirken mit den Geschöpfen zur Liebe hin gestalten will (ausgeführt insbesondere in Kapitel 5 und 6). Dabei, so Keller, greife Gott weder von außen in die Geschehnisse ein (die menschliche Freiheit wird also konsequent ernst genommen), noch sei Gott das, was den Menschen oder dem Universum passiere, gleichgültig, vielmehr teile Gott unsere Freude und unser Leid (vgl. z.B. S. 128f.)

Allerdings  fragt sie dann zu Recht weiter nach Gottes Wirksamkeit und Relevanz: „Wozu ist ein solcher Gott gut… , eine kosmische Fürsorge, die … uns … nicht erlösen kann?“ (Ebd.,)

Die verborgene Macht der Liebe

Ihre Antwort ist, die Alternative von Allmacht und Ohnmacht sei falsch. Gott sei nicht machtlos, sondern es gäbe eine verborgene Macht der Liebe, auf die schon Paulus mit seinem Satz, „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit. „ (2. Kor 12,9) anspiele (vgl. S. 129f.). Es sei „eine Macht, die nicht überwältigt, sondern befähigt.“ (S. 131)

Wie lässt sich diese Macht beschreiben? Keller benutzt dazu in Aufnahme von Whiteheads Konzept der „schöpferischen“ und der „erwidernden Liebe Gottes“ die Begriffe „Eros“ und „Agape“ (vgl. S. 151f.) Dazu schreibt sie:

„Der göttliche Eros wird in jedem Geschöpf als ‚anstoßendes Ziel’ wahrgenommen – oder als ‚Locken’. Es ist ein Locken hin zu unserem eigenen Werden, ein Ruf zur Verwirklichung der Möglichkeiten einer größeren Schönheit und Intensität unseres Lebens.“

Auf diesen Eros würden wir durch unser Leben antworten und dann von Gottes erwidernder Liebe, die Keller mit „Agape“ gleichsetzt, empfangen werden. Diese Liebe sei Gottes Mitgefühl mit allen Geschöpfen. Von daher sei das Empfangen einerseits (wie im Gleichnis vom Verlorenen Sohn beschrieben) ein freudiges. Andererseits könne aber das Mitfühlen dessen, was wir nicht verwirklicht haben (und was dies für uns und andere bedeutet), dazu führen, dass das Empfangen–Werden auch als Gericht erlebt werde (vgl. S. 162f); denn, so schreibt sie: „Diese Liebe zwingt nicht; trotzdem verlangt sie etwas.“ (S. 163.) Auf jeden Fall ergebe sich aus diesem Empfangen–Werden der Impuls des göttlichen Eros für den nächsten Augenblick, auch den, die empfangene Liebe weiterzugeben, so wie es Jesus im Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25) beschreibt (vgl. S. 208ff.). Dieses Wechselspiel von Locken und Empfangen sei im Übrigen nicht etwas am Ende der Zeit, sondern finde am Rande jedes Ereignisses unseres Lebens statt (vgl. S. 163).

Leben in dieser Liebe

Zu dem, was dies für das eigene Lebensgefühl bedeute, schreibt sie dann:

„Wenn unsere Erlösung von der Erlösung des Ganzen abhängig ist – dann sind wir bereits verloren, oder? Was für eine Liebe ist das? Und wo ist darin die Freude?

Wir finden sie nicht im Versuch, die Welt zu retten. (…) Ein Messiaskomplex … ist der sichere Weg zum Burnout. (…) Rettung – oder Erlösung, oder Sühne – ist ein Prozess, der die menschlichen Kapazitäten unendlich übersteigt. Insofern die Liebes–Priorität zu unserer eigenen wird, haben wir Teil an der Erlösung; wir partizipieren an der neuen Schöpfung (…) Die Gleichnisse locken uns mit Freude und mit einer Dringlichkeit, zu verwirklichen, was möglich ist. In uns, in unserer Welt.“ (S. 213f.),

Und zur Frage der Erfolgsaussichten führt sie fort, vom Standpunkt der Berechenbarkeit stünden die Chancen für unsere gemeinsame Zukunft schlecht, um dann festzuhalten:

„Aber wir wissen nicht, was möglich sein kann. Die basileia [also das von Jesus verkündete Reich Gottes, HP], entfaltet sich nicht inmitten des Vorhersehbaren, sondern am Rande des Chaos: dort, wo möglich wird, was nicht möglich war.“ (ebd.)

Als Konsequenz formuliert sie dann:

„Der Segen, in seiner gegenwärtigen Freude und Herausforderung, ist weder etwas, was wir selbst vollbringen können, noch etwas, das für uns vollbracht wird. Es handelt sich um eine Inter–Aktivität mit offenem Ausgang und Geheimnis im Prozess.“ (ebd.)

Damit trifft sie meine Wahrnehmung der Welt. Ob viele biblische Passagen nicht doch auf eine sicherere, weniger offene Fürsorge Gottes hoffen, ist eine andere Frage.

Würdigung

Was mich an dem Entwurf Kellers anspricht, ist, dass er nach meiner Wahrnehmung logisch konsistent ist, dass er versucht, die Dinge zu Ende zu denken, dass er die Erfahrungen von Leid, aber auch von Fortschritt, in für mich stimmiger Weise aufnehmen kann und dass er Handlungsimpulse freisetzt, die im Einklang mit meinem Glauben und dem stehen, was ich vom Evangelium verstanden habe. Darin bewahrt Keller Gottes Geheimnis, indem sie mit Gottes Kraft rechnet, ohne sie berechenbar zu machen.

Wenn ich (im Sinne des in den Vorbemerkungen benannten Kriteriums der Relevanz) sagen wollte, wie sich eine in ihrem Sinne von Gott durchdrungene Welt von einer ohne Gott unterschiede, dann würde ich sagen, dadurch, dass es in ihr in allem Chaos diese kreative Kraft gibt, die Leben und Schönheit anstrebt, Komplexität und Entwicklung. Dass es ein Gefühl dafür geben kann, dass darin alle Wesen trotz ihrer Konkurrenz zueinander in irgendeiner Weise verbunden sind. Und dass es sich lohnt, in diesem kreativen Chaos (um noch mal das Bild von Keller zu gebrauchen) mitzuschwimmen (vgl. S. 108), zu diesem Leben Ja zu sagen und an den Entwicklungen im Rahmen der eigenen Möglichkeiten mitzuwirken.

Dieses Bild Gottes und der Welt leuchtet mir sehr ein. Von daher war die Lektüre dieses Buches, das natürlich deutlich mehr Aspekte anspricht, als in diesem Post beschrieben werden können, für mich sehr anregend.

Was das für das Wesen Gottes bedeutet, ob Gott sich durch das Verhalten der Geschöpfe und ihr (und damit auch unser!) Leid verändert, wie Keller andeutet (vgl. S. 186ff.), und auch, ob Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat oder eine vorgefundene gestaltet (vgl. S. 81ff.), ist dabei für mich nicht so sehr von Belang.  Für mich kommen da unser Denken und unsere Sprache an eine Grenze, sodass diese Fragen eher schon zu dem Geheimnis gehören, das ich bewahren will. Das tut aber der Lektüre dieses Buches keinen Abbruch.

Und noch ein Tipp: Denen, die des Englischen mächtig sind, empfehle ich die englische Ausgabe. Sie kostet nicht nur die Hälfte, sondern Keller spielt auch mit der Sprache, und das ist oft nur schlecht übersetzbar.

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