Gott – Wesen, Konzept, Aussage über die grundlegenden Eigenschaften unserer Welt?

Ein Nachdenken im inneren Dialog mit einem Post von Antje Schrupp

Schon seit einigen Jahren folge ich dem „Blog Gott und Co“ der Journalistin und Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp, die auch ev. Theologie studiert hat und neben ihrer freiberuflichen Tätigkeit mit einer halben Stelle als festangestellte Redakteurin der Zeitung EFO-Magazin (die Zeitung der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach) arbeitet. In diesem Blog mit der Unterüberschrift „It’s not about her_his existence“ setzt sie sich mit Gottesbildern und ihrer Bedeutung für die Kirche und unsere Gesellschaft auseinander.

Bild von Christian Dorn auf Pixabay

Besonders spannend fand ich den Beitrag „Schöpfung? Welche Schöpfung? Über Gott als Konzept“ (einschließlich der dann folgenden Diskussion). Dort stellt sie mit Befriedigung (und wie ich finde zu Recht) fest, dass die Vorstellung eines alten, weißen Mannes, der mit viel Hokuspokus Dinge erschafft, mit der Aufklärung ihr Ende gefunden habe. Sie schreibt dann weiter:

„Die monotheistische Idee von Gott = Schöpferin ist ja keine Universumsentstehungs-Theorie, sondern eine Sinnfindungs-Theorie. Das heißt, sie soll nicht erklären, wie das Universum entstanden ist (dafür ist die Naturwissenschaft zuständig, Urknall, Evolution und so weiter), sondern sie will einen Vorschlag machen, wie wir Menschen uns in dieser Welt verorten sollen, die wir bei unserer Geburt (sowohl als Einzelne wie auch als Menschheit) bereits vorgefunden haben und an der wir nicht allzu viel ändern können, jedenfalls aus kosmologischer Perspektive.

Nämlich so, dass wir die Welt anschauen als etwas ‚Geschaffenes‛, also mit Sinn und Bedeutung ausgestattetes, und nicht als etwas rein Zufälliges, Egales. Dieses Konzept beinhaltet dann, dass es ein ‚Gesetz‛ gibt (Tora), an das wir uns halten sollen, um diesem Plan, wenn man so will, gerecht zu werden.“

Die Sprache dieser Sätze mag für manche ungewohnt klingen. Sie nimmt ja eine konsequent „irdische“ Perspektive ein und nimmt ernst, dass alle Aussagen über Gott letztlich menschliche Aussagen sind, weil sie (wie auch immer inspiriert) letztlich von uns Menschen formuliert und in diesem Sinne abhängig von den (Denk-, Sprech-, Verstehens-) Möglichkeiten von uns Menschen sind.

Das Wort „Theorie“ klingt in diesem Zusammenhang vielleicht etwas abstrakt und kühl, doch es beschreibt m. E. treffend die inhaltlich-sachliche Ebene des Glaubens, neben der es natürlich auch die emotionale gibt.

Ist also Gott „nur“ eine willkürliche Idee, ein mehr oder weniger beliebiges Konzept? Aus meiner Sicht sind in diesem Zusammenhang die entscheidenden Worte „willkürlich“ und „beliebig“. Auch wenn man ernst nimmt, dass unsere Sprache entscheidend für unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit ist, wie Schrupp mit dem Verweis auf die linguistische Wende schon in ihrem Post von September 2013 „Warum Gott nicht existiert“ voraussetzt, so erfüllt ein Wort oder ein Satz aus meiner Sicht nur dann seine Funktion, uns in dieser Welt orientieren zu helfen, wenn es eine Korrelation, also eine gewisse Übereinstimmung seiner (expliziten oder impliziten) Aussagen mit der unabhängig von unserer Sprache (und unserer Wahrnehmung) existierenden Welt gibt.

Was ist (noch) ein Stuhl?

In dem von Schrupp angeführten Wikipedia-Artikel „Linguistische Wende” wird zu Recht darauf hingewiesen, dass z. B. die Kategorie „Stuhl“ keine ist, die einfach in der Welt existiere und dann vom Menschen nur noch gefunden werden müsste. Vielmehr formt unsere Vorstellung von Stuhl das, was wir unter einem solchen verstehen und was nicht. Und es wäre sicher möglich, die Abgrenzungen z. B. zum Sessel oder zum Hocker oder auch zu einem Baumstumpf im Wald anders vorzunehmen, als wir das in der deutschen Sprache tun. All diese Dinge ließen sich z. B. ohne weitere Differenzierung (oder mit anderen Differenzierungen) schlicht als „Sitzmöbel“ betrachten. Von daher ist es schon unsere Sprache, die unsere Wahrnehmung der Welt prägt (in diesem Fall, welche Dinge wir zu einer Gruppe von Sitzmöbeln gehörig betrachten).

Trotzdem sind diese Abgrenzungen m. E. aber auch nicht völlig willkürlich. So wäre es sicher nicht sinnvoll, in Bezug auf das Sitzen einem Schmetterling und einen Stuhl einem gemeinsamen Begriff zuzuordnen. Hier wäre die Sprache so weit von der (aus meiner Sicht eben doch ohne sie existierenden) Welt entfernt, dass ihr Gebrauch keinerlei Hilfe darstellte, sich in dieser Welt zurechtzufinden oder über sie zu kommunizieren.

In Bezug auf das Wort „Gott“, aber auch in Bezug auf die in der Bibel und in der Tradition (aber natürlich auch in anderen religiösen Quellen wie dem Koran) gesammelten Geschichten und Aussagen über Gott, heißt das, sie sind nur sinnvoll, wenn sie Aussagen über unsere Welt und uns Menschen machen, die unseren Erfahrungen in irgendeiner Weise (mindestens als Möglichkeit) entsprechen.

Wichtige Konsequenzen daraus hat Schrupp in ihrem Artikel zur Schöpfung beschrieben. Dabei würde ich das „Universale“ nicht nur als Grundlage der Ethik betrachten, sondern gerade auch in Zusammenhang mit der Mystik als mögliche Erfahrung des Verbundenseins mit den übrigen Wesen dieser Welt (wobei diese Erfahrung sicher auch durch die Erfahrung des Getrenntseins ergänzt sein solle, vgl. meinen Artikel zur semipermeablen Membran). Und als weitere im Christentum zumindest sehr hervorgehobene Kategorie sehe ich die der „Vergebung”, also der Überzeugung, dass die Vergangenheit uns nicht unendlich in unserem Handeln festlegen muss, und schließlich die des „Ewigen Lebens”, also die Hoffnung, auch in unserem Tod einen guten Platz zu finden (was dies im Einzelnen immer auch bedeutet).

Das alles bedeutet, (christliche) an Gott zu glauben heißt nicht, an die Existenz eines höheren Wesens innerhalb dieses Universums zu glauben, sondern ist die Überzeugung, dass die Welt in ihrer Grundstrukur so beschaffen ist, wie sie von den biblischen Aussagen in ihrem Kern beschrieben wird. Das kann ich dann auch Konzept nennen, aber es ist kein willkürliches, sondern eines das eine Korrelation zu meinen Erfahrungen (und denen anderer Menschen) mit dieser Welt hat.

Ausschnitt aus der russischen Ikone „Dreifaltigkeit” – ein Versuch, mit dem Verbot der Darstellung Gottes so umzugen, dass in Anlehnung an 1. Mose 18 Gottes Erscheinen bei Abraham und Sara in der Form dreier Männer dargestellt wird

Einen Punkt, den Schrupp bei ihren Überlegungen (im Artikel Schöpfung …) betont, ist das Bilderverbot in den abrahamitischen Religionen, das verhindern soll, „dass man Gott ins Innerweltliche verlagert, dass man sich von ihr ein Bild macht, so als würde sie in dieser Welt ‚existieren‘“. Das Judentum und der Islam haben dieses Verbot konsequent durchgehalten, während das Christentum davon abgewichen ist (und Luther es sogar aus den 10 Geboten seines Kleinen Katechismus entfernt hat).

Der Grund für letzteres erscheint mir offensichtlich: Für die meisten Menschen (nicht für alle!) ist es leichter, eine innere Beziehung zu einer Person aufzunehmen als zu einer abstrakten Wirklichkeit. Die Rede von Gott als Vater an vielen Stellen des Neuen Testaments lädt allerdings dann auch dazu, Gott als Mann zu denken – und in Zeiten der Vormacht des „weißen” Mannes eben auch als „weißen” Mann. Schrupp bezeichnet das m. E. zu Recht als „Gotteslästerung” (ebd.), denn es bewirkt zum einen, dass sich andere Gruppen der Menschheit (wie Frauen, Nicht-„Weiße” etc.) weniger mit Gott identifizieren können, und zum anderen auch, dass Gottes Unverfügbarkeit als Korrektur unserer Wünsche und Vorstellungen verloren zu gehen droht.

Was das für unser praktisches Verhalten für die Rede von Gott bedeuten sollte, darüber will ich dann ein ander Mal schreiben.

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