Die semipermeable Membran

Es ist vielleicht trivial und trotzdem hat mir dieses Bild weitergeholfen: Das Innere jeder Zelle ist ja von einer semipermeablen Membran, also einer halbdurchlässigen Schicht, umgeben. Diese nur wenige Moleküle dicke Hülle übernimmt wichtige Funktionen sowohl der Abgrenzung nach außen, sodass überhaupt eine von der Umgebung unterschiedene Innenwelt entstehen kann,  wie auch des Austausches mit der Umgebung, sodass Vorgänge wie z. B. Atmung, Ernährung, Kommunikation und die Einbindung in größere Zellverbände, aber auch bestimmte Veränderungen der Zelle selbst möglich werden. Sie hat also die Aufgabe, zu unterscheiden, was im Inneren der Zelle und was draußen bleiben soll und was die Zellmembran in welcher Menge, in welcher Geschwindigkeit und in welcher Richtung passieren kann.

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Schematischer Aufbau einer Zellmembran

Für mich symbolisiert dieses Bild ganz viel von einer der Aufgaben, die jeder Mensch, aber auch jede Institution oder Organisation jeden Tag neu zu lösen hat: In welcher Weise soll  ich mich abgrenzen? In welcher Weise soll ich mich öffnen?

Also z. B. als Einzelperson: Was zeige ich von meinen Gefühlen oder was behalte ich lieber für mich selbst? Wie weit lasse ich mich vom Glück oder Leid anderer Menschen berühren und wo halte ich diese Emotionen von meinem Inneren fern? Und weitergehender: Wie viel Verbindung und welche damit verbundene Abhängigkeit lasse ich in der Beziehung zu einem anderen Menschen zu und welches Maß an Selbständigkeit oder Autarkie strebe ich an?

Oder als Gruppe, als Staat, als Gesellschaft, als Kirche: Wen lassen wir zu uns? Wie unterschiedlich darf jemand sein, sodass wir ihn aufnehmen können, ohne unsere Identität zu verlieren? Wie viel „neue“ dürfen hinzukommen? Wo tut der Wandel gut, ist vielleicht sogar Voraussetzung zum weiteren Überleben?

Spannend finde ich es dann auch, genauer hinzuschauen: Wie löse ich diese Aufgabe von Öffnung und Abgrenzung? Um z.B. vom Leid anderer nicht weggeschwemmt zu werden: Halte ich mir die Menschen physisch vom Leib und vermeide jeden Kontakt? Oder lasse ich zwar den Kontakt selbst zu, sorge aber dafür, dass sie mir ihr Leid nicht sagen oder zeigen können? Oder lasse ich die Äußerung ihres Leides zu und mache mich innerlich hart, um es nicht spüren zu müssen? Oder bleibe ich zwar innerlich prinzipiell offen, lasse aber die Emotionen der anderen an mir vorübergleiten? Oder schwinge ich auch innerlich mit und habe trotzdem das tiefe Wissen, dass es letztlich im Moment nicht mein Leid ist? Und wenn ich das Leid des anderen nicht mehr hören kann oder will, bin ich dann dazu in der Lage, mein Bedürfnis respektvoll zu formulieren oder muss ich dann die andere Person abwerten?

Vergleichbare Fragen ließen sich auf der institutionellen Ebene stellen und auch da die Frage betrachten, wie eine Organisation die Balance von Abgrenzung und Öffnung, von Identität und Wandel bewältigt und welchen Preis sie dafür zahlt.

Von daher trägt das Bild der semipermeablen Membran im Detail nicht viel zur Klärung dieser wichtigen Fragen bei. Wozu es aber helfen kann, ist Extrempositionen zu entlarven: Sowohl die Position, ein Lebewesen oder eine Organisation sei rein aus sich selbst heraus lebensfähig und brauche niemand anderes, ist illusionär. Jedes Lebewesen ist auf eine mehr oder weniger intakte Umwelt angewiesen und jeder Mensch lebt auch davon, was andere für ihn bereit stellen oder in früheren Generation für ihn bereit gestellt haben.

Aber auch die Haltung einer völlig grenzenlosen Offenheit, wir seien alle mit allem verbunden, übersieht, dass es zum Leben neben der Verbundenheit immer auch der Abgrenzung bedarf und dass diese z.T. auch zu Lasten Dritter geht: Das Schaf mag vom Wolf wahrscheinlich genauso wenig gern gefressen werden wie als Braten auf dem menschlichen Mittagstisch zu landen. Und ob es das Gras gut findet, abgeweidet zu werden, ist ja auch eine Frage.

So löst das Bild der semipermeablen Membran allein noch keine Probleme. Aber es lädt dazu ein, sich der Notwendigkeit von Abgrenzung und Öffnung bewusst zu werden und genauer hinzuschauen, auf welche Weise wir selbst oder andere diese immer wieder neue Aufgabe bewältigen.

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