Äußerstes Glück?

Das Buch, das mich in diesem Sommer am meisten berührt hat, ist der neue Roman von Arundhati Roy, „The Ministry of Utmost Happiness“, wobei der deutsche Titel: „Das Ministerium des höchsten Glücks“ wohl eher etwas in die Irre führt. Denn von einer staatlichen Einrichtung erwartet die in hohen Maße staats- und sozialkritische Autorin sicher kein Bemühen um das Glück seiner Bürger. Dafür ist dann schon eher der für seine unbändige (homoerotische) Liebe bekannte und hingerichtete Sufi-Heilige Hazrat Nizamuddin zuständig, dessen Mausoleum im Herzen von Delhi für diese Geschichte eine wichtige Rolle spielt.

happiness

Aber um Glück geht es schon in diesem Buch, genauer um die Frage, wie Glück möglich ist – in einer Welt, wie sie ist, mit all ihrer Armut, ihren Grausamkeiten, ihrer Gewalt. Und genau da wird dieses Buch, auch wenn es in Indien spielt und all die sozialen Konflikte aufgreift, in denen sich Roy in den letzten 20 Jahren engagiert hat, zu meinem Buch. Denn natürlich ist unsere augenblickliche Lebenssituation eine andere als die der Menschen in Indien. Aber wir sind Teil einer Welt (-wirtschaft), die das Leben auch dort – manchmal ganz massiv – beeinflusst, wie die Autorin nicht zuletzt am Beispiel des Giftgasunglücks in Bhopal darstellt, das noch heute die Menschen verfolgt. Und wir haben unsere eigenen Situationen von Gewalt: nicht nur die erstarkenden rechtsradikalen  Aktivitäten mit ihren Anschlägen auf AusländerInnen und Obdachlose und den islamistischen Terror (und die Reaktion des Staates darauf), sondern auch die Tausenden Toten an den Außengrenzen der EU und die Frage, wie die einzelnen Volks- und Sozialgruppen in diesem Land auf Dauer miteinander umgehen werden.

Was mir an diesem Buch so gefällt, ist Roys Sprache und dass es ihr gelingt, mit einem trockenen Humor anhand einzelner Menschen die Komplexität der Konflikte und der in ihnen handelnden Menschen zu beschreiben. So wird schnell deutlich, dass es i. d. R. nicht einfach um „Schwarz oder Weiß“ geht, sondern dass alle Menschen ihre eigenen Motive, Träume, Verletzungen, Abgründe und gebrochenen Seiten haben.

Und genau darin ist dieser Roman ein Plädoyer für Menschlichkeit – gegen das Morden, gegen das Gegeneinander von Religionen, Volksgruppen oder Kasten, gegen Ideologien, aber für Akte der Liebe, der Nächstenliebe und der Menschlichkeit.

Hauptmotive, anhand derer die Autorin ihr Buch entfaltet, ist das Leben der Hijra, der historischen Gemeinschaft von Transsexuellen in der alten indischen Gesellschaft, der Kaschmirkonflikt und die zunehmende Hinduisierung des Landes. Sie werden dargestellt durch eine Beschreibung einzelner Personen, ihrer Geschichte(n), Handlungen und Beziehungen, die sich am Ende zu einem großen Mosaik zusammenfügen – ganz nach dem Motto: „How to tell a shattered story? By slowly becoming everybody. No. By slowly becoming everything.“ (Wie erzählt man eine zerbrochene Geschichte? Indem man sich langsam in alle verwandelt. Nein. Indem man sich langsam in alles verwandelt.)

Gewidmet ist der Roman „den Ungetrösteten“, und seine Botschaft scheint mir zu sein: Glück, Trost, liegt darin, im Herzen berührbar zu bleiben, zusammenzustehen, der Trauer und den Toten ihren Platz einzuräumen und immer wieder für das Leben einzutreten – jenseits jeder Ideologie, aber mit klarem Blick für die Realität.

Glaube und Religion haben da ihren Platz, wenn sie solch eine Handlungsweise stärken und Menschen verbinden und nicht gegeneinander aufbringen. Eine biblische Parallele, die aber noch nicht die Trauer in gleichem Maße mit einbezieht, sehe ich bei Kohelet, dem Prediger Salomo. Auch er stellt sich einer Wirklichkeit, die – bei allem Blick für das Schöne – das Leiden, die Bosheit kleiner und großer Leute und die Vergänglichkeit aller Dinge nicht ausblendet. Er sucht – und sieht – Weisheit, also die Möglichkeit so zu leben, dass die Dinge möglichst gut werden, und erkennt zugleich auch die Grenzen dieses Tuns. So empfiehlt er am Ende, Gottes Weg der Rechtschaffenheit und Weisheit zu folgen und zugleich das Gute im Leben zu genießen.

Mich hat dieses wunderbare und wunderbar geschriebene Buch bei aller kritischen Herausforderung in dieser Haltung gestärkt.

Hier noch zwei Rezensionen, die ich spannend fand:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/ministerium-des-aeussersten-gluecks-der-neue-roman-von-arundhati-roy-15138360.html

https://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/roy-arundhati-das-ministerium-des-aeussersten-gluecks/-/id=8316184/did=20124534/nid=8316184/1t875yr/

 

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