Eine göttliche Kraft?

Im Moment nehme ich an einem Jahrestraining im Handauflegen nach der Schule der Open Hands teil. Die Einzelheiten dieses Ansatzes, den ich insgesamt als sehr hilfreich erlebe, habe ich hier auf dieser Webseite beschrieben.

Was mich allerdings beschäftigt, ist die Formulierung im einleitenden Gebet: „Möge die göttliche heilende Kraft durch uns fließen.“

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Brigitte Schiefer spricht das Heilgebet mit aufgelegten Händen

Ich frage mich, in welchem Sinne die Kraft, die beim Handauflegen wirkt, göttlich sein soll – und ob sie sich da von anderen guten Kräften in dieser Welt unterscheidet, also z. B. von der in bestimmten Situationen wohltuenden schmerzlindernden Wirkung des Aspirins, der lebensrettenden Wirkung des Entfernens eines entzündeten Blinddarms oder einer Hüft-OP, die einem Menschen Schmerzen nimmt und das Gehen wieder ermöglicht.

Mein Hauptgrund, aus dem heraus ich Probleme habe, irgendetwas als „göttlich” zu bezeichnen, ist der, dass Gott für mich als Schöpfer der Welt letztlich von allen Phänomenen dieser Welt grundsätzlich unterschieden ist. So wie Paulus im 2. Korintherbrief schreibt: „Wir haben diesen Schatz“ (nämlich „die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi”) „in irdenen Gefäßen”, bin ich der Überzeugung, dass jede Erkenntnis Gottes (oder seines Wirkens) ihren Weg durch unser menschliches Gehirn (und unseren menschlichen Körper) finden muss und dass damit immer in der Gefahr der Verfälschung durch unsere eigenen Denkmuster und Interessen steht. Und dass sich genau so auch Gottes Wirkung in dieser Welt immer der doppeldeutigen Mittel dieser Welt bedienen muss.

Besonders problematisch finde ich in diesem Zusammenhang die Tendenz mancher, gerade solche Phänomene Gott zuzuschreiben, die wir im Moment nicht verstehen – so wie in früheren Zeiten Gott als der Verursacher von Gewittern oder Erdbeben galt. Der Glaube der Bibel ist dagegen immer gewesen, dass Gott nicht am Rande steht, sondern prinzipiell durch alle Ereignisse der Welt hindurch am Wirken sein kann.

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Wenn ich einen Begriff des „Göttlichen” akzeptabel finde, dann nur in einem eingeschränkten Sinn, nämlich in dem, dass etwas Gottes Willen (so wie ich ihn in Anlehnung an die Bibel verstehe) entspricht und / oder dass etwas auf Gott (und seine allumfassende Schöpfungskraft in der Welt) hinweist. Im Hinblick auf diese Bedeutungen möchte ich jetzt die Anfangsfrage beantworten.

Aus meiner Sicht sind die Kräfte in allen vier oben genannten Fällen gute Gaben Gottes, die uns durch die Schöpfung zur Verfügung gestellt werden. Wobei es zumindest in den letzten drei Beispielen natürlich darauf ankommt, wie diese Gaben angewandt werden. Zu viel Schmerzmittel kann den Körper auch zerstören und eine OP, die gemacht wird, obwohl sie nicht nötig wäre, birgt ebenfalls erhebliche und dann eben unnötige Risiken.

Von daher ist es deutlich, dass diese Dinge in ihrer Anwendung nicht per se gottgewollt sind, sondern wie alle anderen Dinge dieser Welt letztlich ambivalent: mit viel Potenzial zum Guten, aber auch mit einem gewissen Potenzial zum Bösen.

Ist das mit der Kraft beim Handauflegen anders? Ist sie ganz eindeutig gut und in diesem Sinne göttlich?

Dass dies nicht automatisch der Fall ist, macht schon die Ethik der Schule der Open Hands klar. Sie ist sich insbesondere der Tatsache bewusst, dass die Möglichkeit zu helfen, also in diesem Fall durch das Auflegen der Hände in vielen Situationen Entspannung, Heilung oder Linderung zu bewirken, Verführungen der Macht in sich birgt. Um ihnen entgegenzuwirken, betont sie zu Recht die Unverfügbarkeit der Wirkung dieser Kraft und die Notwendigkeit, die Freiheit und Integrität derjenigen Person zu schützen, die die Hände aufgelegt bekommt. Erfolgt das Handauflegen in diesem Sinne, ist es sicher gottgewollt.

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Weist es auch in besonderer Weise auf Gott hin? Ich denke schon. Ausdruck davon ist die Grundhaltung, die hinter dem Handauflegen steht und z.B. in den Grundsätzen von Anne Höfler beschrieben wird. Zu ihnen gehört die Überzeugung, nur Kanal für das Wirken dieser Kraft zu sein, das Loslassen der Vorstellung, dass etwas Bestimmtes passieren soll, und das Vertrauen darauf, dass das, was geschehen soll, geschieht.

In Anknüpfung an den Satz aus dem Vater Unser „Dein Wille geschehe”, geht sie davon aus, dass es jenseits der Wünsche unseres Ichs eine Ebene gibt (die manchmal auch in der Meditation erfahren wird), in der wir darauf vertrauen können, unabhängig vom äußeren Geschehen bei Gott geborgen zu sein, und dass es deshalb letztlich nicht darauf ankommt, etwas Spezifisches zu erreichen. Von daher wird das Handauflegen dann auch als „absichtslos” bezeichnet. In diesem Sinne weist das Handauflegen auf Gott als allumfassenden Schöpfer hin.

Persönlich finde ich diese Haltung sehr befreiend. Dass sie umgekehrt in einer Spannung zum Wunsch von Menschen stehen kann, bestimmte Formen der Heilung und Besserung von Symptomen zu erfahren, ist offensichtlich. Und natürlich ist es auch der Wunsch der Handauflegenden, dass es dem Gegenüber möglichst gut gehe. Deswegen steht beim Jahrestraining neben der Haltung des Loslassens auch der Austausch darüber, was dazu beitragen kann, dass diese Kraft möglichst positiv erfahren wird.

Trotzdem bleibt die Grundhaltung für das Handauflegen die des Loslassens, des Vertrauens und der Liebe. Schön ist es, wenn eine vergleichbare Haltung auch (schul- oder komplimentär-)medizinischem Handeln einen guten Rahmen gibt. Nicht, um die Akteure dort weniger sorgfältig und engagiert nach Heilungsmöglichkeiten suchen zu lassen, wohl aber, um ihnen zu helfen, mit den Grenzen auch ihrer Möglichkeiten besser umzugehen.

Ergänzung 30.3.2019

Durch manche Reaktionen, die ich auf diesen Artikel bekommen habe, ist mir bewusst geworden, dass meine Rede von Gott als Schöpfer hier missverständlich sein kann. Es ging mir an dieser Stelle nicht darum, mein Gottesverständnis zu beschreiben. Das habe ich in meinem Artikel „An Gott glauben oder an Elfen?“ recht ausführlich getan.

Dort habe ich geschrieben: „Doch auch alle mystischen Erfahrungen müssen letztlich durch die Engstelle unseres Gehirns (oder unseres Körpers oder welcher Apparat genau für unsere Empfindungen im Einzelnen zuständig ist) hindurch. Von daher sind auch sie wie alle Gotteserfahrungen aus meiner Sicht immer indirekt…”

Vielleicht bin ich da zu vorsichtig. Angesichts dessen, wie oft der Gottesname für menschliche Dinge missbraucht wurde, ist aus meiner Sicht Vorsicht an dieser Stelle aber auch nicht unangebracht. Das sollte umgekehrt jedoch nicht dazu führen, sich nicht voll und ganz auf das Handauflegen einzulassen. Denn wie oben beschrieben bin ich der Überzeugung, dass es in besonderer Weise auf Gott hinweist. Und in diesem Sinne ist es ein spiritueller Weg zur Gotteserkenntnis, den ich als sehr lohnend empfinde.

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