Gelassenheit wendet großes Unheil ab

Zu den Reaktionen auf die Anschläge in Paris

„Wenn des Herrschers Zorn wider dich ergeht,
so verlass deine Stätte nicht;
denn Gelassenheit wendet großes Unheil ab.“
(Prediger 10,4)

Gelassenheit wendet großes Unheil ab. – Es ist dieser Satz aus dem Buch Kohelet, dem Prediger Salomo, der mir angesichts der Stimmung und der medialen Stimmungsmache nach den Anschlägen von Paris in den Sinn kommt.

„Paris ändert alles.“ – Diesen Satz habe ich in den letzten Tagen oft gehört. „Paris ändert alles.“ Wieso eigentlich? Was ist wirklich neu seit diesen Attentaten?

Was ist so anders als im März 2004 als in Madrid 191 Menschen bei 10 Anschlägen auf Vorortzüge starben? Genau so zufällige Opfer islamistisch motivierten Terrors?

Was ist die so grundsätzlich andere Qualität als bei den Angriffen auf 3 Londoner U-Bahnen und einen Londoner Bus im Juli 2005 mit immerhin auch 56 Toten und über 700 Verletzten?

Mir waren und sind diese genau so nah wie die Toten in Paris. Und dass Terror in Europa auch im großen Stil möglich ist, wissen wir auch durch die Anschläge von Rechtsextremisten auf den Bahnhof von Bologna 1980 mit 85 und den von Utøya mit 69 Toten. Von kleineren Terrorangriffen auch in Deutschland wie z.B. die Taten des NSU oder die Brandanschläge auf Flüchtlingsheime mal ganz abgesehen.

Codex Gigas

Codex Gigas

Wieso also diese Dramatisierungen? Geht es wieder einmal darum, schärfere Gesetze durchzusetzen, von anderen Problemen abzulenken oder Militäreinsätze akzeptabel zu machen? Oder geht es nur um Verkaufszahlen und Zuschauerquoten? Oder ist es psychologisch die Erkenntnis, dass unser Leben ja wirklich ungesichert ist? Wobei zumindest zurzeit die Gefahr deutlich größer ist, durch einen Autounfall ums Leben zu kommen, einen Arbeitsunfall oder einen Suizid.1 Von den schwerer zu quantifizierenden Gefahren durch Umweltbelastungen oder Armut mal gar nicht zu reden.

Deshalb plädiere ich für Gelassenheit. Damit meine ich nicht, das Problem zu ignorieren. Die Bekämpfung des Terrors ist wichtig. Dazu gehören für mich eine vernünftige rechtsstaatlich fundierte polizeiliche Aufklärung und gerichtliche Verfolgung, gesellschaftliche Perspektiven für Einwanderer, aber auch für andere marginalisierte Gruppen in Deutschland, wie auch eine Politik, die weltweit gerechtere Lebensbedingungen für alle schafft.

Nicht dazu gehören für mich Panikmache, Kriegs- und Bürgerkriegsgerede, Ausnahmezustand oder die Einschränkung von Bürgerrechten.

Da kann ich nur noch einmal den Prediger zitieren: „Wenn des Herrschers Zorn wider dich ergeht, so verlass deine Stätte nicht; denn Gelassenheit wendet großes Unheil ab.“ Er wusste, dass die Gefahr oft von den Herrschenden ausgeht; aber sein Rat ist nicht auf diese Situation beschränkt. Ihm war die Verletzlichkeit jeglichen Lebens und die Vergänglichkeit jeglicher menschlicher Aktivität bewusst. Dennoch sprach er sich dafür aus, das Leben, das wir haben, zu leben, mit Freuden das Schöne zu genießen und mit Engagement das Rechte zu tun.

In diesem Sinne lassen Sie uns in Gelassenheit unser Leben weiterleben und mit Mitgefühl für die Opfer in Frankreich, im Libanon und all den anderen Teilen der Welt. Und lassen Sie uns wachsam sein, wenn andere aus diesen Anschlägen ihren eigenen Gewinn ziehen wollen.

P.S. Eine lesenswerte Analyse des IS findet sich bei Clemens Ronnefeldt, dem Friedensreferent des Deutschen Zweiges des Internationalen Versöhnungsbundes.

 

1So betrug laut DGUV die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle 2013 455 (vgl. http://www.dguv.de/de/Zahlen-und-Fakten/Arbeits-und-Wegeunfallgeschehen/index.jsp), laut AGUS im selben Jahr die Zahl der Suizide in Deutschland 10.076 (vgl. http://www.agus-selbsthilfe.de/info-zu-suizid/tod-durch-suizid/zahlen-und-statistiken/), und laut Statistischem Bundesamt 2014 die Zahl der Verkehrstoten 3377 (vgl. https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2015/07/PD15_252_46241.html)

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