Jesus in der Nacht, in der er verraten ward – oder die Freiheit, sich selbst treu zu sein

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Man kann Jesu Tod (und seine Auferstehung) so deuten:

Alles ist vom Anfang der Welt an bestimmt. Gott weiß, wie böse die Menschen werden werden und dass er sie erlösen will. Deshalb schickt er seinen Sohn auf die Erde. Alle spielen ihre Rollen, alle werden dafür belohnt oder verdammt. Letztlich haben sie keine Wahl, müssen aber die Folgen ihres Handelns tragen: Der Ton frage nicht den Töpfer, warum er welches Werkstück daraus macht. (Röm 9,19ff.)

Ja, diese Vorstellung ist durchaus im Neuen Testament selbst angelegt, ihre Konsequenzen werden diskutiert, aber glauben mag ich sie nicht.

Ich glaube daran, dass Menschen Entscheidungsmöglichkeiten haben (natürlich in dem Rahmen, der durch die inneren und äußeren Umstände gegeben ist) und ich glaube, dass Gott nicht den Tod eines Menschen (oder gar seines Sohnes) braucht, um uns oder sich zu versöhnen. Nach meinem Verständnis kann man das ganze Geschehen auch freiheitlicher und menschlicher sehen, und auch das hat Anhalt im Neuen Testament.

Matthias_Gruenewald-Coburg

Ausschnitt aus dem Matthias Grünewald-Altar in Coburg

Ich denke da z. B. an die Szene am Gründonnerstag, in der Jesus den Verrat des Judas aufdeckt. Bei allen Evangelisten spricht Jesus Judas an. Bei keinem hindert er Judas zu gehen, bei Johannes fordert er ihn gerade dazu auf: „Was du tust, das tue bald“. (Joh 13,27)

Jesus scheint seinen Tod sehenden Auges in Kauf zu nehmen. Aber warum? Ist es Fatalismus? Ist es blinder Gehorsam? Oder war es eine bewusste Entscheidung? Um dass zu verstehen, frage ich mich, was für Alternativen Jesus gehabt hätte.

Fliehen? Dann hätte er wohl in den Untergrund gehen müssen, sonst hätten die Römer ihn spätestens nach dem Fest verhaftet. Und dazu hätten sie dann auch keinen Judas mehr gebraucht. Aber Flucht hätte sein ganzes bisheriges Wirken infrage gestellt. Es hätte vielleicht sein Leben gerettet, aber er hätte nicht mehr predigen können, nicht mehr heilen, hätte die Menschen nicht mehr direkt berührt.

Zu den Waffen greifen? Kämpfen? Sich z. B. den Zeloten anschließen? Dann wäre zu den oben beschriebenen Einschränkungen noch der Verrat an den Inhalten seiner Lehre hinzugekommen. Nach allem, was wir wissen, stand er eher für Feindesliebe als für revolutionäre Gewalt, für die Kraft des Wortes statt für die des Schwertes.

Nein, Jesus ist den Weg der Gewaltlosigkeit zu Ende gegangen. Für ihn war sein Leben nicht der höchste Wert. Er war bereit, es zu opfern, aber nicht, um für Gott einen Versöhnungsauftrag zu erfüllen, sondern um sich selbst treu zu bleiben und dem, was er verkündet hatte. Gerade darin hat er die Verbindung zu Gott gewahrt.

Und sein Lebenswerk  war ja die Verkündigung der Liebe Gottes in einer Welt, die immer wieder von den unterschiedlichsten Formen von Gewalt gequält wird – wie auch von vielen anderen Quellen des Leidens. Jesus hat den Menschen deutlich gemacht, dass Gott dieses Leiden nicht will. Deswegen hat er Kranke geheilt, Hungernde gesättigt und immer wieder Gesetze und Regelungen infrage gestellt.

Die Herrschenden seiner Zeit haben gespürt, dass dies eine kräftige Herausforderung ihrer Macht (aller irdischer Macht!) ist. Deshalb war es nur folgerichtig, dass sie versucht haben, ihn auszuschalten.

Womit sie nicht gerechnet haben, war Ostern. Wie auch immer es geschehen ist, mit dem Tod von Jesus war seine Sache nicht zu Ende. Seine Freunde – und ein paar andere wie Paulus – haben seine Gegenwart erlebt und haben mit neuem Schwung weitergemacht.

Für mich ist das ein Zeichen, dass Jesus Recht hatte und sein Tod sich gelohnt hat. Und es ist ein Ansporn, mir selbst diese Verbindung zu Gott bewusst zu machen. Und aus der Freiheit zu leben, diese Welt anzunehmen. In all ihren Ambivalenzen. Ihren Schönheiten. Ihren Schrecklichkeiten. In anderen. Und in mir.

Und sie genau dadurch ein Stückchen zu verändern.

Und so reicht mir diese Beschreibung, um die Bedeutung des Lebens, der Sterbens und der Auferstehung von Jesus für mich zu verstehen. Auch ohne Blick auf einen göttlichen Plan.

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3 Gedanken zu „Jesus in der Nacht, in der er verraten ward – oder die Freiheit, sich selbst treu zu sein

  1. Hallo Hanno,
    ich wünsche Dir ein gesegnetes Osterfest und möchte Dir schon die ganzen Tage auf Deine Gedanken zur Passion und Karfreitag antworten.
    Ich fühlte mich von Deinen Worten sehr angesprochen, weil ich schon seit Jahren aus jedem Karfreitagsgottesdienst gehe und dem „für mich gestorben“ nicht gut folgen kann… Ich komme immer wieder zum Entschluss, dass ich viel eher glaube, dass Jesus nicht FÜR uns Menschen, sondern WEGEN uns Menschen gestorben ist und dass sein Tod die logische Schlußfolgerung seines Lebens war. Somit fallen mir auch alle Lieder und Texte schwer, in denen es darum geht, Jesus zu danken, dass er all das Leid auf sich genommen hat. Ich bekomme immer eher das Gefühl, dass es mir leid tut, dass er nicht erkannt worden ist und er den Tod am Kreuz sterben musste..

    Auf der anderen Seite frage ich mich dann, was ihn zum Sohn Gottes macht. Es gibt ja auch in nicht all zu entfernter Vergangenheit Menschen, die ihre Überzeugungen trotz großem Widerstand gelebt haben und auch den Tod in den Kauf genommen haben. Ich denke da zum Beispiel an Dietrich Bonhoeffer. Was macht Jesus dann zum Christus??

    Nun sei noch gesagt, dass mir Dein Blog gut gefällt! Schöner Gedankenanstoß!

    Viele Grüße
    Petra Vogt

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    • Hallo Petra,
      hier ein paar Antwortgedanken. Ich finde, die Predigt des Petrus nach Apostelgeschichte 10,34ff gibt dazu gute Impulse. Derselbe Lukas, der im Evangelium die ganze Weihnachtsgeschichte erzählt, kann hier die Anfänge Jesu zusammenfassen:

      „Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alle. Ihr wisst, was in ganz Judäa geschehen ist …, wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan …“ (Apostelgeschichte 10,36ff)

      Kein Wort von Jungfrauengeburt und Kindheitsgeschichte. Auch der Titel „Sohn Gottes“ fällt da nicht. Aber alle Evangelien verknüpfen die Taufe Jesu mit diesem Titel, und zumindest bei Markus wird er in der Taufe zum Sohn Gottes adoptiert und hier scheint mir eine ähnliche Dynamik vorzuliegen. Für mich macht das deutlich, dass sein Gott nahes Handeln ihn in besonderer Weise zum Sohn Gottes macht, aber er hat ja auch uns eingeladen, Gott als unseren Vater zu begreifen, so dass ja auch wir Töchter und Söhne Gottes sind (wie das ja auch Paulus z.B. im Galaterbrief aufgreift). Also natürlich dann auch Bonhoeffer.
      Zum Messias oder Christus ist er dann aus meiner Sicht wohl wirklich durch Ostern geworden. Dadurch dass sein Tod nicht das Ende war, sondern er weitergewirkt hat am Anfang vor allem durch seine Jünger, denen er erschien, aber auch durch zumindest einen seiner Gegner (Paulus), dem er später erschien. Dadurch hat er für mich noch einmal eine besondere Bedeutung.
      Zugleich gehöre ich ja nicht zu denen, die sagen, seine Bedeutung sei prinzipiell einzigartig (und damit mache ich mich natürlich innerkirchlich angreifbar). Aber bei diesen vielen Millionen bewohnten Planeten, die es vielleicht in diesem Universum gibt, sehe ich keinen Grund, warum nicht an anderen Ort Gott andere Menschen (oder Wesen) dazu nutzen sollte, seinen Willen in vergleichbarer Weise deutlich werden zu lassen (und vielleicht geschieht das ja immer wieder auch mal, zumindest partiell, auch auf dieser Erde in anderen Zeiten oder in anderen Kulturen).
      Mein Bekenntnis zur Bedeutung Jesu ist ein positives und keines das andere Wege prinzipiell ausschließt. Aber sehr wohl eines, das mir Kriterien gibt, andere Wege zu prüfen.

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  2. Lieber Hanno,
    dein Impuls spricht mir aus dem Herzen. Letzlich ist jeder Einzelne in der Entscheidung frei in der Nachfolge Jesu im Hier und Jetzt zu wirken oder diese Herausforderung zu meiden. Für mich steht noch die Frage im Raum ob sich Jesus als Christus verstanden hat oder ob er dazu nicht durch spätere Generationen umgedeutet wurde? Ist ja ganz praktisch um sich von anderen, vorallem dem Judentum abzugrenzen.
    Herzliche Grüße
    Andreas

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