Goldene Sätze: „They do to you what they did to them”

„They do to you what they did to them.” – „Sie tun dir das an, was andere ihnen angetan haben”. Ich denke oft an diesen Satz aus meiner Therapieausbildung, nämlich immer dann, wenn mir Emotionen oder Verhaltensweisen entgegenkommen, die ich erst einmal (zumindest in ihrer Intensität) nicht verstehe: Misstrauen, Hass, Kontaktabbruch, eine bestimmte Form von sexualisierter Verführung, ein Versuch, mich zu kränken oder mich dazu zu bringen, mich von dieser Person zurückzuziehen.

osterfeuer

Manchmal drohen alte Erfahrungen alles zu verbrennen, doch manchmal lässt sich ihr Feuer nutzen, neues zu gestalten.

„They do to you what they did to them.” – Dieser Satz beschreibt eine Erfahrung vieler, die in Berufen arbeiten, in denen sie anderen auf einer tieferen Ebene helfen wollen, sich zu verändern bzw. weiterzuentwickeln. Dazu gehören (Lehr-) Therapeuten, SupervisorInnen, SeelsorgerInnen, Adoptiv- und Pflegeeltern (etwas) älterer Kinder, manchmal auch Lehrer und Erzieherinnen. Und im Übrigen trifft eine ähnliche Dynamik oft auch Liebes- und EhepartnerInnen. (Dann allerdings natürlich beidseitig!)

Es scheint die  Regel zu sein, dass Erfahrungen, die Menschen gemacht haben (und gerade auch Erfahrungen von Vernachlässigung und Gewalt), oft an die weitergegeben werden, die ihnen helfen und Neues ermöglichen wollen.

Dies Phänomen hat viel mit dem zu tun, was Sigmund Freud als Übertragung bezeichnet hat. Er hat sie bewusst provoziert und dann genutzt, um seinen PatientInnen zu helfen, die alten Verletzungen zu verstehen, durchzuarbeiten und aufzulösen. Dazu hat er sich selbst als Spiegel präsentiert, in seiner Eigenart möglichst wenig sichtbar, so dass sehr deutlich wurde, dass Angriffe (aber auch Liebesgefühle) nicht ihm als Person galten, sondern eben mit der Vergangenheit dieser Person zu tun hatten.

Man kann zurecht bezweifeln, dass diese Grundhaltung für alle PatientInnen der beste Weg zur Heilung ist. Doch aus meiner Sicht ist es wichtig, um diesen Zusammenhang zu wissen; denn dann muss ich ein entsprechendes Verhalten meines Gegenübers nicht als persönlich gemeinte Verletzung oder gar Undankbarkeit werten, sondern kann es als Teil seiner Verletzung einordnen und versuchen, einen professionellen Umgang damit zu finden.

Wie der dann aussieht, hängt natürlich von der Art des Verhaltens, vom Reflexionspotential der Person, von meinen Fähigkeiten und von unserer Beziehung (ihrer Qualität und ihrem Auftrag) ab.

Hier ist im Prinzip alles denkbar. Wenn ich erkannt habe, dass das Verhalten erst einmal nicht primär mich meint, dann kann ich es u.U. einfach ignorieren, ich kann es ansprechen und so zur Basis der Reflexion nutzen, ich kann auf andere Weise reagieren, als derjenige es erwartet hat, oder ich kann auch  zur Erkenntnis kommen, dass ich mit dieser Begleitung überfordert bin und nach anderen Formen der Hilfe für mein Gegenüber suchen muss.

Aber wie ich auch reagiere, die Erkenntnis, dass die Quelle der Emotionen, die mich treffen, in der Vergangenheit des anderen liegen, hilft mir, mir eine innere Distanz zum Geschehen zu verschaffen und gibt mir so die Freiheit zurück, die ich für eine angemessene Begleitung brauche.

Hier noch ein Tipp für weitere Lektüre. Das Buch von Bernd Oberhoff aus dem Jahr 2009, „Übertragung und Gegenübertragung in der Supervision: Theorie und Praxis”, bringt einen guten geschichtlichen Überblick zum Übertragungsbegriff und hilfreiche Anregungen nicht nur für die Supervisionspraxis.

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