Rein ist nur die gute Butter

Seit ich vor mehr als 25 Jahren in ihrem Roman „A Bleeding Heart“ den Satz von Marilyn French gelesen habe, es gäbe nichts Reines als reine Butter, lässt er mich nicht mehr los. Nicht, dass er wirklich neu wäre. Schon im Markusevangelium lehnt Jesus es ab, als „guter Meister“ bezeichnet zu werden, gut sei „Gott allein“ (Mk 10,18).

Also nicht neu, aber treffend. Wie oft erwarten wir immer noch Reinheit: reine Motive, reine Hingabe, reine Liebe? Sei es bezüglich einer Sache oder eines Menschen.

butter-400Die Wahrheit ist, jeder Mensch ist in seiner Motivation ambivalent. Das gilt für persönliche Beziehungen genauso wie für das Ehrenamt oder die Politik. Neben die Interessen, die ich an dem anderen oder der Sache habe, treten meine eigenen. Und das ist gut so. Wichtig ist, dass diese Tatsache bewusst bleibt, denn das verhindert falsche Idealisierungen und die damit automatisch verbundenen Enttäuschungen, wenn ich oder ein anderer diesem Maßstab der Reinheit nicht entspricht.

Die Frage sollte also nicht sein: Ist jemand makellos?, sondern: Diskreditieren seine Fehler oder seine Eigenmotive das, was er oder sie tut oder sagt?

Wenn jemand aus einem Ehrenamt Anerkennung und Bestätigung ziehen will und deshalb eine engagierte Arbeit macht, ist das erst einmal völlig in Ordnung, solange dieser Wunsch ihn nicht daran hindert, sich auf die Arbeit einzulassen und mit anderen fair zusammenzuarbeiten, und wenn er sich dabei nicht selber schädigt, indem er permanent über die eigenen Grenzen geht.

Wenn ein Partner in einer Liebesbeziehung materielle Absicherung, sexuelle Erfüllung, Anerkennung oder gesellschaftliches Fortkommen erhofft, ist das nicht zu verwerfen, solange diese Erwartungen nicht die Beziehung dominieren und der andere aus den Augen und aus dem Herzen gerät und nur zum Mittel der eigenen Bedürfnisbefriedigung wird.

Und dass PolitikerInnen nicht nur politische Ziele erreichen wollen, sondern auch Geld verdienen wollen und Macht und Anerkennung anstreben, erscheint mir so lange in Ordnung, solange sie eine ordentliche Arbeit machen und die Interessen derjenigen, die sie gewählt haben, angemessen vertreten.

Nur Butter (oder auch Olivenöl 🙂 ) kann rein sein – mir hilft dieser Gedanke, Verurteilungen aus falschen Gründen zu vermeiden und wahre Probleme besser zu erkennen. Von daher ist er nicht Ausdruck des Zynismus (alle sind gleich schlecht, denn jeder will ja sowieso nur das Beste für sich), sondern vielmehr Aufforderung, genau hinzusehen und hinzufühlen, bei mir selbst und anderen.

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