„Goldene“ Sätze: Störungen haben Vorrang

Ein Satz von Ruth Cohn.1 Lange habe ich ihn vor allem auf Gruppensituationen bezogen, aber im Gespräch mit meiner Frau ist mir bewusst geworden, dass er auch gut auf die Begegnung zu zweit passt.Störung

Genau genommen beinhaltet er eine Aussage und einen Rat. Die Aussage ist: Störungen beanspruchen Vorrang, weil sie unangesprochen allein durch ihre Existenz sowieso aus der jeweiligen Situation eine Menge Energie abziehen. Der Rat heißt: Es lohnt sich, dies ernst zu nehmen und Störungen bewusst anzugehen, was oft heißen kann, die Störung anzusprechen. So kann sich die Situation zumindest klären und manchmal – wie im letzten Beispiel – sogar weiter erhellen.

Sechs ganz unterschiedliche Situationen:

  1. Das Beispiel meines Lehrtherapeuten: Du bist mit einer Frau/einem Mann, in den du frisch verliebt bist, im Bett, wirst immer zärtlicher, aber eigentlich stört dich deine volle Blase oder auch nur das regelmäßige Schlagen der nicht verschlossenen Tür. Da macht es Sinn, die Zärtlichkeit kurz zu unterbrechen und die Störung abzustellen.
  2. Ich werde zu einer Sterbenden und ihren Angehörigen gerufen und das Gespräch zieht sich hin. Zugleich bin ich mit meiner Frau verabredet, mit ihr zusammen Abend zu essen. Statt nun alle Filme im Kopf ablaufen zu lassen ist es sinnvoller, die Situation zu klären (z.B. meine Frau anzurufen und eine neue Zeit zu vereinbaren und die auch der Familie des Sterbenden mitzuteilen), um dann wieder mit voller Aufmerksamkeit bei ihnen zu sein.
  3. Ich komme in ein Krankenzimmer, der Kranke ergreift meine Hand, ich spüre, dass ihm der Kontakt gut tut, zugleich verkrampfe ich immer mehr in meiner Körperhaltung. Da ist es wichtig, dass ich die Situation unterbreche und eine Haltung finde, in der ich mich auch selbst wohlfühlen kann.
  4. Eine Ärztin erklärt mir etwas, benutzt aber immer Worte, die ich nicht verstehe. Nur eine Bitte um eine andere Sprachebene kann erreichen, dass unser Gespräch Sinn hat.
  5. Mich irritiert, dass meine Partnerin sich mehr als sonst zurückzieht. Nur, wenn ich es anspreche, habe ich eine Chance zu verstehen, ob sie etwas bedrückt, ob in unserer Beziehung etwas schief läuft oder sie einfach nur so ihre Ruhe möchte.
  6. Ich merke als Kursleiter, wie mich das Gespräch der Gruppe ermüdet und es mir immer schwerer fällt, mich zu konzentrieren. Besser als auszuhalten und gegen den Schlaf anzukämpfen ist der Satz: „Ich werde bei Ihrem Gespräch immer müder. Das kann was mit der Tageszeit zu tun haben, aber oft ist das auch ein Zeichen dafür, dass Sie wichtige Themen vermeiden. Was meinen Sie?“

In allen Fällen ist es wichtig, mich, meine und meine Empfindungen ernstzunehmen, sie anzusprechen und dadurch die Situation so zu verändern, dass sie für alle befriedigender werden kann.

Manchmal ist das einfach, manchmal erfordert das Mut; aber immer, wenn eine Störung so deutlich ist, dass sie den Kontakt erheblich erschwert oder meine Energie abzieht, ist dies der Königsweg zu wirklicher Begegnung.

1Vgl. z.B. Paul Matzdorf, Ruth C. Cohn, Das Konzept der Themenzentrierten Interaktion, in: Cornelia Löhmer / Rüdiger Standhardt (Hg.), TZI, Pädagogisch-therapeutische Gruppenarbeit nach Ruth C. Cohn, Stuttgart 1992.

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